Während Psychotherapie Freunde verlassen

Dabei
11 Aug 2015
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#1
Hallo,
ich bin Mitte 20, männlich. Ich wurde in einer sehr toxischen Familie groß, was ich jahrelang geleugnet habe und nicht wahrhaben wollte. Mittlerweile mache ich seit mehreren Jahren Psychotherapie, die mir unglaublich gut tut. Ich akzeptiere meine Vergangenheit, bekämpfe die Schutzstrategien von damals die heute eher hinderlich sind.

In vielen Dingen bin ich sehr unsicher was Entscheidungen angeht und frage oft mein Umfeld nach Rat, wie auch jetzt.
In meiner Kindheit habe ich nicht viel Aufmerksamkeit bekommen, habe dementsprechend auch außerhalb der Familie wenig über mich geredet, mich nie mitgeteilt wie es mir geht. Dementsprechend hab ich auch noch viele Freunde die nie fragen wie es mir geht und eher "einfach" sind bzw. einfach nicht viel über die Gefühlswelt des Gegenüber wissen wollen. Selbst wenn ich mit den Freunden über ihre Probleme etc. rede kommen nie Rückfragen wie es mir geht und wenn ich mal über wirklich wichtige Dinge in meinem Leben rede, kommen dann häufig Aussagen wie "krass" daher und sonst nichts.

Mittlerweile habe ich mehr Beziehungen und Freunde die mich in der Hinsicht mehr erfüllen. Ich brauche nicht stundenlanges Gerede über mich. Aber wenn die sich ab und an mal über meinen Gesundheitszustand informieren (hatte einen schweren Unfall und seitdem 4 Operationen und die nächste ist schon geplant), dann bin ich schon happy und mir reicht das.

Aus diesem Grund möchte ich mit den alten Freunden eigentlich nichts mehr zu tun haben, weil mir der Kontakt einfach nicht gut tut. Mein Inneres sagt mir einfach, dass der Kontakt meiner Seele nicht gut tut, weil ich mich von diesen Menschen nicht wahrgenommen fühle.
Mit den Leuten kann man zwar gut am Wochenende saufen oder Pferde stehlen, aber nichts darüber hinaus.
Und weil eben nichts darüber hinaus geht, möchte ich auch nicht deren Saufkumpane sein. Vor allem wenn diese mich über ihr Leben und deren Probleme genaustens informieren wollen aber sich selbst nicht die Zeit nehmen um mir dann zuzuhören.

Keine Ahnung was ich hier erwarte, wahrscheinlich eine Art Validierung, dass es in Ordnung ist mit diesen Leuten den Kontakt abzubrechen. Vor allen treten in der letzten Zeit eben mehr Menschen in mein Leben die genau das sind, was sich suche. Zwar nicht viele, aber manche. Aber wenn ich den Kontakt mit diesen alten Freunden ausschleichen lasse, dann habe ich natürlich erstmal viel weniger "Freunde".

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?
 
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Dabei
6 Mrz 2013
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#2
Ich finde das sehr reflektiert, was du hier schreibst. Ich würde dir raten, auf dein Bauchgefühl zu hören, und das sagt dir, dass du deine Zeit jetzt nicht mehr mit Leuten verschwenden willst, die dir im Grunde nicht das geben was du brauchst.
War ja total ok, die Zeit, in der du es hast krachen lassen - zum Saufen braucht man halt Saufkumpane, das passt schon.
Aber jetzt sind deine Bedürfnisse andere. Daher:
Keine Ahnung was ich hier erwarte, wahrscheinlich eine Art Validierung, dass es in Ordnung ist mit diesen Leuten den Kontakt abzubrechen.
Ich finde das in Ordnung. Ich finde das sogar gut wenn du das machst. Wenn man selber so einen Schnitt im Leben macht, kann einen das auch für die Zukunft motivieren. Du scheinst jetzt nah bei dir zu sein.
 
Dabei
23 Nov 2016
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#3
Ich finde es auch vollkommen in Ordnung. Und normal. Freundschaften verändern sich eben je nach Lebensphase. Man entwickelt sich ja und das, was vorher gepasst hat, passt dann irgendwann nicht mehr. Ich habe heute auch andere Freunde als früher.

Du musst deinen früheren Freunden ja nicht vor den Kopf stoßen, sondern lässt es einfach auslaufen. Macht doch nichts, wenn du wenige, aber dafür qualitativ bessere Freundschaften pflegst.

Darf ich dich fragen, was dir die Augen geöffnet hat, dass du in einer toxischen Familie groß geworden bist? Gab es da einen bestimmten Anlass, ein Erlebnis, eine Situation? Warum hast du plötzlich dein Leben geändert? Hast du noch Kontakt zu deiner Familie? Mich würde das aus persönlichen Gründen sehr interessieren.
 
Dabei
11 Aug 2015
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#4
ich denke mir halt ich kann mit den Freunden ja auch weiterhin saufen gehen und mehr halt unterbinden. Aber mich regt das auf wenn die von ihren Problemen anfangen und mir davor nichtmal zugehört haben, das fuckt mich ab.

Aber zurzeit bin ich eher bei einer entweder oder gar nicht Haltung. Also mein engster Kreis hat als Vorraussetzung eine empathische Seite, von denen kann ich mir jeden mal für 5 min zur Seite nehmen und mal nach einem guten Rat fragen.

Die Augen geöffnet hat mir vor allem mein Therapeut, der mir sagt, dass das überhaupt gar nicht normal so sei und vor allem das Kennenlernen von anderen Familien. Wenn ich bei Freundinnnen übernachtet habe und mich morgens mit den Eltern am Tisch unterhalten habe, habe ich schon gemerkt, dass bei mir nicht alles tutti war. Also das kam schleichend. Am Anfang wollte ich es nicht wahrhaben, nicht mich als Opfer sehen.

Kontakt zu meiner Mutter beschränkt sich auf 3x im Jahr (Geburtstag, Weihnachten und so), das tut mir aber absolut nicht gut. Ähnlich verläuft es sich auch mit meinem Vater.
Mit Großeltern, Geschwistern etc verstehe ich mich dagegen richtig gut.
Im Rahmen der Therapie habe ich viele versuche gestartet, dass Familienleben zu verbessern, aber der Zug ist abgefahren. Da investiere ich jetzt auch nichts mehr.
 
Dabei
23 Nov 2016
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#5
Danke für deine Antwort, ambi valere !

Ich finde es bemerkenswert, dass du diese Schritte gegangen bist, obwohl du offenbar so schlechte Voraussetzungen von zuhause mitbekommen hast. Das ist nicht einfach. Dass du dein Leben selbst in die Hand nimmst und deine Vergangenheit aufarbeitest, um ein besseres Leben zu haben, finde ich toll.

Ich kenne eine junge Frau, von der ich weiß, dass sie sich dringend von unmittelbaren Bezugspersonen distanzieren müsste, um mittelfristig ein einigermaßen normales Leben führen zu können (wenn das überhaupt noch möglich ist). Aber wenn die betroffene Person selbst nicht sieht, was sie zerstört, dann ist es als Außenstehende quasi unmöglich, dazu etwas zu sagen, was auch durchdringt oder verändern würde. Da kann man auch leicht selbst zur Zielscheibe der Wut oder des Hasses werden. Diese junge Frau verteidigt quasi bis aufs Blut ihre Peiniger. Das ist schon verrückt. Und traurig macht mich das.

Da kann man nur hoffen, dass sie es ebenso erkennt, wie du. Irgendwann. Sie war auch schon mehrfach in Therapie, aber hat es immer wieder abgebrochen. Da hast du offenbar auch Glück gehabt, dass du einen Therapeuten gefunden hast, der es geschafft hat, dein Vertrauen zu gewinnen.

Wenn du merkst, dass dir bestimmte Menschen nicht gut tun, dann ist es tatsächlich Energieverschwendung, zu hoffen, dass sich daran etwas ändert. Ich finde deine Entscheidung also absolut nachvollziehbar.

Ich vermute mal, dass deine alten Freunde auch gar nicht einordnen oder nachempfinden können, was du erlebt hast. Vielleicht fragen sie deshalb nicht nach, weil sie unsicher sind und nicht wissen, wie sie überhaupt reagieren sollen. Gerade als junger Mensch hat man da evtl. zu wenige Erfahrungswerte, wenn man aus einer "heilen" Familie kommt. Oder man hat selbst noch nicht so viel hinterfragt, wie du. Aber dennoch sind Freundschaften ja etwas Freiwilliges, das auf Gegenseitigkeit beruht. Du kannst dir deine Freunde ja - im Gegensatz zur Familie - aussuchen.

Das ist schon mal sehr viel Wert, dass du dich mit Großeltern und Geschwistern gut verstehst.

Drück dir die Daumen, dass du weiterhin gut auf deinem Weg bleibst.
 
Dabei
11 Aug 2015
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#6
danke für deinen netten Worte, das bedeutet mir viel, auch wenn du ein anonymer Mensch aus dem Internet bist.

Zu deiner Bekannten. Ohne ihren eigenen Willen und vor allem Einsicht wird das nichts. Da kann man von Außen so gut zurreden wie man will, der Groschen muss bei ihr erst fallen. Aber von Außen kann man das kaum beschleunigen. Ich war schon relativ früh soweit, dass ich umbedingt was ändern wollte. Ich viele Jahre depressiv und wollte so nicht mehr leben. Das Leben ist sehr kurz, da will ich nicht die meiste Zeit scheiße drauf sein.

Ist halt schon ne harte Nummer den Kontakt auch zur Familie richtig abzubrechen. Auch wenn ich irgendwann auf pflegebedürftigkeit der Eltern denke.

Klar, viele meiner Freunde mussten nicht solche Dinge erleben wie ich und das wünsche ich auch niemanden. Sowas kann man auch nicht nach empfinden.
Aber spätestens nach meinem körperlichen Unfall mit Folgeschäden die für alle Mitmenschen klar ersichtlich waren, da ist mir dann der Kragen auch geplatzt. Dass da sowenig Empathi rüber kam fand ich erschreckend und seitdem Unfall sortiere ich halt echt mehr aus.

Ich mein, die Psyche trägt man nur bedingt nach Außen, besonders wenn man eine Maske auf hat (sinnbildlich, nicht Corona), dann sehen das die Anderen auch nicht. Aber wenn man halt körperliche Probleme hat, dann sieht man die ja sofort. Und da wurde mir es dann auch zuviel.
 
Dabei
24 Sep 2017
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#7
Hallo @ambi valere,
die satanische Bibel von Anton LaVey empfiehlt, sich von psychischen Vampiren fernzuhalten - also von Leuten, die einem nicht guttun. Ich sehe keinen Grund, der dagegen spricht, sich daran zu halten (außer vielleicht, dass LaVey eine Raubkatze als Haustier gehalten hat). Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben; das, was du tust, darfst du. Du darfst dich selbst schützen und du darfst deine Zeit selbst bestimmen. Hab kein schlechtes Gewissen, es ist absolut okay. Es ist okay. Du musst dich nicht schlecht fühlen. Du machst es für dich und du schützt dich - du wirst neue Freund:innen finden und wenn du es dir anders überlegst, gibt es irgendwann vielleicht auch ein Zurück. Das ist jetzt aber gar nicht wichtig.
 
Dabei
6 Mrz 2013
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#8
Ich finde es bemerkenswert, dass du diese Schritte gegangen bist, obwohl du offenbar so schlechte Voraussetzungen von zuhause mitbekommen hast.
Dem schließe ich mich absolut an.

In meiner Familie hat es auch (vorübergehende, und endgültige) Kontaktabbrüche gegeben. So eine Entscheidung trifft man reflektiert, und da wurde kein einziges Mal dran gezweifelt dass das richtig war.
 
Dabei
11 Aug 2015
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#9
Danke für die ganzen bestärkenden Worte.
Ich hadere mit solchen Menschen leider viel zu lange rum obwohl mir mein Bauchgefühl schon lange Zeit sagt, dass ich ohne diese Menschen besser dran bin als mit ihnen.

Gleiches gilt auch der Familie, den Kontakt hätte ich stellenweise schon viel früher einstellen müssen weil es mir zurzeit einfach nicht gut tut.

Aber es kommt immermehr Klarheit :)
 
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