Dennoch gibt es auch hier immer wieder Fehldeutungen, was das Verhalten von Personen anbelangt. Mir schrieb einmal jemand: "Zum Glück habe ich nicht auf die Ratschläge dieser "Experten" gehört, sondern einfach auf mein Herz vertraut...Denn es kam alles anders, als jeder hier vorhergesagt hatte und nun bin ich mit der Person zusammen".
Rationales Denken hat nichts mit Hellsehen zu tun. Wir rechnen hier in Wahrscheinlichkeiten. Wenn eine Frau fragt, ob sie sich von einer Affäre mit einem verheirateten Mann mehr erhoffen kann, dann werde ich und auch fast alle anderen ihr sagen, dass der Ehemann seine Frau und Familie nicht für die Affäre verlässt. Dass in 1 von 100 Fällen das Gegenteil eintrifft, hat ja damit nichts zu tun. Es geht ja darum, sinnvolle Entscheidungen zu treffen, um sich vorprogrammierte Enttäuschungen zu ersparen. Deswegen stellt man sich für den Selbstmord auch nicht auf einem feld und hofft, dass ein Blitz einen trifft, und deswegen kommt man nicht mit einem Knacki zusammen, der schon 3x wegen Körperverletzung eingesessen hat.
im Endeffekt entscheidet dann jeder selbst, ob er 100% rational handeln möchte, dadurch kaum Risiko geht, aber wirklich ALLES selbst in der Hand hat...Oder ob er doch einmal von dieser Schiene abweicht und vielleicht etwas macht, was 99% der hier angemeldeten User als falsch beurteilen...In der Hoffnung, dass es doch das Richtige ist. Und wer weiß...Vielleicht ist es sogar das Richtige?
Rationales Handeln ist nicht mit reiner Kontrolle zu verwechseln. Rationales Handeln bedeutet nur, dass man sich Dinge bewusst macht, die andere unreflektierte Menschen nur unterbewusst wahrnehmen und es denen deswegen so wenig präsent sind, dass sie sie ignorieren und deswegen vorhersehbare Enttäuschungen erleiden. Rationalität ohne EMotionalität bringt natürlich gar nichts. Aber ein rationaler Mensch mit emotionaler Intelligenz kann seine Gefühle lenken und zielgerichtet weitaus intensiver fühlen, als jemand, der verzweifelt emotional in alle Richtungen schießt und nichts kapiert. Sich fallen zu lassen, muss immer eine Komponente sein. Aber es macht viel mehr Spaß, dass Fallen zu genießen, wenn einem bewusst ist, dass man mit größter Wahrscheinlichkeit weich fällt, anstatt vom Krater des Vesuvs zu springen, weil man sich in den kopf gesetzt hat, dass rote Flüssigkeit einfach zu schön ist, um weh zu tun.
Zum Thema Titel: Man gibt ja niemandem einfach so einen Titel. Titel sind auch nicht auf Dauer. Sowohl das "Verleihen" dieser Titel als auch das Behalten und daran Festhalten ist an die Taten gebunden, die für dich so wichtig sind. Da sind wir beide ja auch einer Wellenlänge. Wenn sich meine beste Freundin wie das letzte Arschloch verhält, dann darf ich nicht an ihr festhalten, nur weil sie eben offiziell meine beste Freundin ist.
Titel haben generell das Problem, dass man sich ihren Regeln unterwirft. Diese Regeln und Schranken hat man jedoch nicht selbst festgelegt, sondern wurde von anderen menschen vor einem festgelegt. Das bedeutet, dass man verlent, sich seine eigene Interaktion mit eigenen Regeln zu schaffen. Wenn ich dieses Gesülze schon höre "Möchte nicht die Freundschaft wegen Sex, Beziehung, blabla riskieren". Das ist einfach Mitläuferdenken pur. Und weswegen? Weil man das ganze "Freundschaft" nennt. Und bei einer Freundschaft weiß "man" ja, dass "man" so etwas nicht riskiert, weil "man" dann ja damit alles kaputt macht. Klar, weil Sex ja auch etwas kaputt macht.
So geht das immer weiter. kaum einer hinterfragt seine Interaktionsformen. Die Leute müssen dahingehend immer plappern. Es wird nicht hinterfragt, weswegen man Affären nicht liebevoll führen kann, nicht hinterfragt, weswegen man so auf sexuelle Treue in der Partnerschaft beharrt oder wieso ONS etwas Oberflächliches sein sollte.
Deswegen sollte man mit Betitelungen sehr vorsichtig sein. Weil man aufhört, seinen Verstand einzuschalten und sich sein privatleben fremdbestimmen lässt.
Besteht nicht das Leben für einen Großteil der Menschen aus Illusionen? Versuchen nicht viele, sich das Leben in irgendeiner Weise durch kleinere oder größere Illusionen schön zu "denken", auch wenn sie dies gar nicht nötig hätten?
Nein. In Illusionen schwelgen nur mental schwache Menschen. Wer mit der Realität zurechtkommt und es somit - wie Du sagtest - nicht nötig hat, der macht sich auch nichts vor.
Und insgeheim gibst ja selbst du bestimmten Personen einen Titel...In deinem Kopf. Oder würdest du deine Freundin / Partnerin nicht so betiteln?
Früher habe ich oft auch so gedacht. Z.B. führe ich derzeit eine offene Partnerschaft mit einer Bi-Frau, bei der es öfter mal 3. Frauen gibt. Win-Win für alle. Wie viele Menschen würden das hinkriegen? Früher habe ich auch oft in Schranken gedacht. Davon habe ich mich aber weitgehend gelöst. Und mein Girl rufe ich eigentlich immer "Süße". Letztendlich ist es aber meine Partnerin. Aber ich lasse mich eben auch nicht in eine Schablone drängen, sondern schaffe mir mit ihr unsere eigene "Partnerschaft" mit den eigenen eigenwiligen Regeln, die uns wirklich frei und glücklich machen und sich nicht dem Massendenken unterwerfent.
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass man ein Leben führen kann, in dem zwar Gefühle eine wichtige Rolle spielen und in dem man auch einmal irrational handelt und etwas total verrücktes macht! Entscheidend ist, dass man sich des Risikos immer bewusst ist. Dann bekommen nämlich Enttäuschungen auch einen ganz anderen Charakter. Dann denkt man sich nicht "Warum wieder ich? Was hab ich falsch gemacht? Ich bin so traurig"...Sondern "War einen Versuch wert."
Irraltionales gibt es nicht. Das widerspräche den physikalischen Gesetzen. Alles, was man macht ist rational. Irrational ist ein an sich schwachsinniges Wort in diesem zusamenhang. Man kann unlogische oder unvernünftige Dinge machen. Aber auch dafür gibt es dann logische Gründe (z.B. fehlende Reife, trotzig-demonstrativ-rebellisches Verhalten, etc...).
Und der Risiken ist sich kaum jemand bewusst. Viele bauen nicht deswegen Schwachsinn, weil sie wider jeglicher Vernunft und Wahrscheinlichkeit Dinge mit Verantwortungsgefühl austesten wollen, sondern, um hinterher plärrend hierher zu kommen und Jammerthreads à la "Warum ist die Welt so gemein zu mir" zu schreiben. Aber selbst wenn man die Verantwortung übernimmt, sollte man immer überlegen, ob das Risiko, das man eingehen möchte, wirklich deswegen passiert, weil man es für wert hält oder, weil man emotional derart versklavt ist, dass man verzeifelt nach allem greift, was einem grünen Halm gleicht.