Sehr interessant: Das Verschwinden der Pubertät

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8 Nov 2005
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Lohnt sich zu lesen!!!

Das Verschwinden der Pubertät


Das alltägliche Lustspiel auf allen Kanälen verändert die Sexualität der Jugendlichen ­[/b[ belegt eine Emnid-Untersuchung im Auftrag des SPIEGEL. Sie wissen, was sie tun. Sie tun, was sie dürfen. Sie dürfen ­ fast ­ alles.

Linda wurde 1982 geboren, Leonie 1953. Linda ist die Tochter eines Architekten, Leonies Mutter ist Frauenärztin. Bis zu ihrem 17. Lebensjahr hatte Leonie drei Bett-Filme gesehen: "Helga", "Helga und Michael", "Helga und die Männer", in Auftrag gegeben von der "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung".

Die 16jährige Linda hat sich bis heute zehn Pornos angeschaut, auf Video zu Hause. An jedem Kiosk blickt sie auf ein paar Dutzend nackter Brüste ­ wenn sie noch hingucken würde.

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Keine andere Generation ist mit so viel Nacktbildern groß geworden: Wann immer sie Sex haben, muß es ihnen vorkommen, als laufe ein Film ab. Sie haben den Akt tausendfach reproduziert gesehen, im Kino, auf Werbeplakaten, in Musikvideos. Jeder Zentimeter Haut ist abgelichtet, ihre Idole kennen sie längst nackt ­ ob Ricky (Ex-"Tic Tac Toe"), Kerstin Landsmann ("Verbotene Liebe") oder Danii und T-Seven von der Popgruppe "Mr. President".

Früher lag das große Schweigen zwischen den Sex-Partnern; heute schwebt das Bildergedächtnis wie ein Über-Ich über jungen Paaren. Wie sehr verändert die sexualisierte Öffentlichkeit die Sexualität? Wieviel wissen Kinder und Jugendliche übers "Vögeln", "Bumsen", "Ficken"? Wie verändert ihr Wissen ihr Fühlen und Fummeln? 700 repräsentativ ausgewählte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren hat das Emnid-Institut im Auftrag des SPIEGEL befragt, um das Sexualwissen der jungen Deutschen zu ergründen. Fast alle können etwas mit Wörtern wie "Vagina" (91 Prozent) und "Klitoris" (80 Prozent) anfangen, immerhin noch 61 Prozent haben eine Ahnung, was der G-Punkt sein soll; 66 Prozent, wofür ein Dildo gut ist, und 70 Prozent können sagen, wer in der Missionarsstellung oben und wer unten liegt. Sobald es um Verhütung geht, sind sie sowieso bestens informiert. Drei Viertel kennen, egal ob sie Geschlechtsverkehr hatten oder nicht, den Zeitpunkt, wann das Kondom nach dem Sex vom Penis gerollt werden muß.

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Passierte "das erste Mal" in Leonie Stöhrs Generation im Schnitt noch mit 17 Jahren, sind heute die Jungen und Mädchen 15,4. Bis 14 hat jeder vierte Petting gemacht; Oralsex probiert bis 19 fast jeder dritte Jugendliche aus. Oralsex ist für sie nichts Anstößiges: Beinahe die Hälfte der 15- bis 19jährigen hält Oralverkehr für sicherer als Geschlechtsverkehr, und 38 Prozent empfinden es als lustvoller. Fellatio oder Homosexualität halten sie nicht für pervers; "nur Vergewaltigungen und Kinderpornos finde ich abartig", sagt Linda.

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Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber etwa beunruhigt es, daß 16jährige wie Linda sich im Fernsehen mühelos in Sex-Debatten einzappen können: "Ich bin empört über die Schweinereien am hellen Nachmittag", kritisierte er und warf Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer und ihren Moderatoren-Kollegen vor, die Jugend zu verderben. Das Weltbild der christlichen Bedenkenträger: Mit zehn wüßten Teenager bereits alles über Sex, mit elf hätten sie sehr viel davon selbst ausprobiert, und mit zwölf würden die ersten anfangen, ihre Klassenkameradinnen zu vergewaltigen.

Vor solchen Übertreibungen warnt Georg Romer, Jugendpsychiater an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Schon immer habe es kindliche Vergewaltiger gegeben. Wer früher aus Scham geschwiegen habe, erstatte heute eher Anzeige. "Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß die sexuelle Aggressivität unter Kindern und Jugendlichen zugenommen hat."

Fast jede vierte gab bei der SPIEGEL-Umfrage an, es sei schon einmal versucht worden, sie gegen ihren Willen zu Zärtlichkeiten oder Sex zu bringen.

Fragt man Mädchen und Jungen genauer nach ihren Erfahrungen mit ungewolltem Sex, dann erzählen sie oft von unangenehmen Erlebnissen, ohne sich dabei als Opfer zu fühlen. Melanie, 14, aus Eisenhüttenstadt sagt, ihr Ex-Freund habe sie gezwungen, "das Gelumpe zu schlucken". Sie habe ein halbes Jahr und einen neuen Freund gebraucht, um wieder Gefallen am Sex zu finden. Und dem Neuen habe sie gleich klar gesagt, daß sie sich vor Oralsex ekele.

Wie häufig Gewalt tatsächlich vorkommt, ist schwer zu sagen: Die eine läßt sich vielleicht verführen, obwohl sie keine Lust hat, die andere spielt mit, um ihrem Freund einen Gefallen zu tun. Ende der sechziger Jahre willigten bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr noch fast 90 Prozent der Mädchen "dem Jungen zuliebe" ein; heute sind es 6 Prozent.

Dank der Frauenbewegung ist für die Mädchen selbstverständlich, daß sie genausoviel Spaß haben wollen wie die Jungen. Gleichaltrige Jungen nähern sich ihnen oft mit Ehrfurcht und Furcht.

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Die Rollen scheinen sich verkehrt zu haben; beschimpfte man früher ein Mädchen schon als "Flittchen", sobald sie zeigte, daß sie wollte, ist es heute völlig normal, daß Mädchen anfangen, wenn sie Lust haben.

"Die Jungs haben Angst vor diesen Powergirls", sagt auch Margit Tetz aus dem Dr.-Sommer-Team der "Bravo", "sie sind enorm verunsichert, denn für sie gibt es noch immer kein neues männliches Rollenbild."


Für die Mädchen ist das Bild der neuen Männer das Bild ihrer Väter, die sie oft kaum kennen. Ein großer Teil von ihnen wird in einem reinen Frauenhaushalt groß. Für viele sind Kerle deshalb jene Egoisten, die Frauen im Stich lassen. Die Band "Die Ärzte" singt mit ihrem Lied "Männer sind Schweine" den 15- bis 19jährigen aus dem Herzen: Jedes vierte Mädchen denkt so über das andere Geschlecht.

Vermutlich weil ihre Eltern es selbst nicht richtig hinkriegen, gehen noch immer wenige zu Mutter oder Vater, um über Sex zu sprechen. In den eher kumpeligen Eltern-Kind-Beziehungen sind die Söhne und Töchter oft sogar besser über das Liebesleben ihrer Erziehungsberechtigten auf dem laufenden als umgekehrt.

Die Eltern signalisieren, daß sie zu jeder Diskussion bereit sind ­ und die meisten Teenager nehmen ihnen das auch ab. Trotzdem ist das Reden über Sex zwischen vielen Eltern und Kindern immer noch tabuisiert, nicht weil die Kinder sich unverstanden fühlen, sondern weil sie etwas für sich behalten wollen. Es reicht, daß ihre Mütter die gleichen Miniröcke von Hennes & Mauritz tragen; es ist in Ordnung, daß ihre Eltern wissen, sie haben Sex, darüber reden, wie es ist, wollen sie nicht.

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Aber mehr als die Hälfte aller Teenager von heute hat nie mit Mutter oder Vater übers erste Mal gesprochen. Und nur jeder vierte gibt an, daß er von seinen Eltern das Wesentliche über Sexualität erfahren hat. Viel lieber lesen sie "Bravo" oder fragen ihre Freunde: Die sind genausoweit wie sie, die geben Tips, die erzählen, wie sie sich fühlen. In Berlin wird in der "Peer education" deshalb damit experimentiert, Schüler Schüler aufklären zu lassen.

Sogar beim ersten Mal haben 62 Prozent der 14- bis 17jährigen mit Kondom und 31 Prozent mit der Pille verhütet, das ergab eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). 1980 benutzten dagegen erst 30 Prozent ein Präservativ, 15 Prozent verließen sich auf die Pille. Und je erfahrener sie sind, desto regelmäßiger verhüten sie. Junge Mütter im Kinderalter sind selten geworden.

Eine andere Sorge hat sich dafür ausgebreitet: die, sich zu blamieren. Jugendliche heute haben keine Angst vorm Sex, aber sie haben Angst, dabei schlechter auszusehen als die Männer und Frauen, denen sie auf Fotos, im Fernsehen und auf der Leinwand beim Akt zugeschaut haben. Was mache ich bloß, wenn ich nicht hinbekomme, was im Film so mühelos und leidenschaftlich aussieht? 24 Prozent haben Angst, sich im entscheidenden Moment blöd anzustellen; die Briefe an "Dr. Sommer" sind voll mit Zweifeln, nicht normal, nicht hübsch und nicht erfahren genug zu sein.

Immerhin 22 Prozent der Mädchen zwischen 15 und 19, das ergab die SPIEGEL-Umfrage, haben schon einmal einen Orgasmus vorgetäuscht. 57 Prozent einen Höhepunkt erlebt, die anderen quälen sich mit Versagensängsten.


Im Gegenteil: Jeder dritte Jugendliche über 14 würde "ein unmoralisches Angebot" annehmen. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, für 5000 Mark mit jemandem zu schlafen, der sie gefühlsmäßig kaltläßt, antworteten 33 Prozent der 15- bis 19jährigen mit "Ja".

Wörter wie "geil" aus dem Mund eines Fünfjährigen lassen Mütter nicht mehr entsetzt zusammenzucken; inzwischen steht das Wort fett auf PDS-Wahlplakaten, und Kartenspiele werden von Kindern "Arschficken" und "Blasen" genannt.

Sex, wie abseitig er sein mag, ist raus aus der Schmuddelecke. Er ist banales Alltagsvergnügen, reines Entertainment.

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In Deutschland ist für die Hälfte der 12- bis 19jährigen Sex nur von mittlerer Wichtigkeit; auf einer Rangordnung von 1 (gleichgültig) bis 10 (enorm wichtig) benoteten sie den Stellenwert von Sex mit 6,7. Und gerade, weil sie fast alles ausprobieren können und dürfen, nehmen sie sich das Recht, einiges davon bleiben zu lassen.

Fragt man genauer nach der Bedeutung von Sex für die Jugendlichen, bekommt man ein differenzierteres Bild: Da ist zum Beispiel Rolf, 14, aus Papenburg, Sohn eines Verkaufsberaters und einer Lehrerin: Er will auf die "perfekte Liebe" warten. Er findet Petting völlig okay, und Küsse und Streicheln sind für ihn "die notwendige Vorbereitung auf das Erwachsenwerden". Der Übungsparcours sozusagen, zum Warmmachen, damit später nichts schiefgehen kann, wenn es drauf ankommt. Schwieriger als der Testlauf könnte es werden, ein Mädchen davon zu überzeugen, sich vorher noch ein Gesundheitszeugnis ausstellen zu lassen. Denn vor dem ersten Mal möchte Rolf mit seiner "idealen Partnerin zum HIV-Test gehen und sich gemeinsam mit ihr gegen Hepatitis B impfen lassen, weil das die Basis ist für eine gesunde Sexualität und gesunde Kinder".

Dann gibt es Mädchen wie Regina, Gymnasiastin aus München, die mit 12 einem Mitschüler "einen geblasen hat". Das hat die Tochter eines Chemikers und einer Hausfrau nicht weiter mitgenommen. "Nur hat mir niemand erzählt, wie verwirrend die Gefühle sein können, wenn man sich mal wirklich verliebt."

Und es gibt 18jährige wie Kara ­ Vater Geschäftsmann, Mutter Hausfrau ­, die sich angetrunken auf einer Party dazu hinreißen ließ, mit ihrem besten Freund im Nebenzimmer zu verschwinden. "Ein totaler Reinfall: Er kam sich vor wie mit seiner Schwester, und ich hatte das Gefühl, ich schlaf' mit meinem Hund", erzählt die Gesamtschülerin. Ernüchtert versuchten sie die Situation zu retten: "Wir haben's gelassen; er hat sich auf dem Klo einen runtergeholt, und ich bin wieder auf die Party."


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Die erste wirkliche Scheidungskindergeneration ­ 17 Prozent der 15- bis 17jährigen wachsen mit nur einem Elternteil auf ­ sehnt sich danach, eine dauerhafte Beziehung zu führen. Wider besseres Wissen.

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Rund die Hälfte der Jugendlichen sieht in den Eltern, sofern es um Beziehungen geht, kein Vorbild. Mutlos macht sie das nicht, eher entschlossener, es besser zu machen. Mehr als die Hälfte erlebt Sex in einer engen Beziehung; nur 13,5 Prozent haben Sex, aber keinen festen Freund oder feste Freundin. Und 90 Prozent waren mit ihrem ersten Sexualpartner entweder fest liiert oder kannten ihn sehr gut, ermittelte das Bundesgesundheitsministerium. Die wenigsten sind promisk: Bis zum 20. Lebensjahr haben Jugendliche im Durchschnitt drei feste Beziehungen.

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Auch Jungs fordern Treue, von sich wie von der Freundin; sie haben nicht das Gefühl, ständig zu wollen und zu müssen. Der Leipziger Sexualwissenschaftler Kurt Starke stellte fest, daß Jungen ihre sexuelle Entwicklung nicht mehr als "dranghafte Phase" empfinden, in der sie ihrem Trieb bedingungslos zu gehorchen haben. Mädchen sind keine fremden Wesen für sie; sie wachsen zusammen auf, gehen in die gleichen Schulen, ziehen die gleichen Klamotten an wie sie.

Die klassische Pubertät gibt es nicht mehr. Als geschlechtliche Wesen werden Kinder heute früher zu Jugendlichen und Jugendliche früher zu Erwachsenen. Die Pubertät als die Zeit der Entdeckungen ist von Jahren auf ein paar Monate zusammengeschrumpft: Die Teenager probieren aus, was ihnen gefällt, und sie müssen nichts verheimlichen.

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Befragt, was sie ausprobieren möchten, kommen die erfahrenen, unschuldigen Jungen und Mädchen von heute auf eher gewöhnliche Ideen: Sie wünschen sich romantischen Sex, am Strand oder auf der Wiese ­ oder schnelle Taten ­ im Fahrstuhl oder im Flugzeug. Sie träumen von Sex "mit einem Partner, der mich wirklich liebt" ­ oder von Gruppensex.

Linda denkt im Moment nicht weiter als bis zum ersten Mal: "Was ist, wenn es nicht so toll wird und ich hinterher sage: 'Das war's dann wohl'?" fragt die 16jährige. Sie grinst verlegen

Quelle & mehr: padedpsych.jk

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Es lohnt sich auf jeden Fall zu lesen - auch wenns viel ist! Wer sich nicht satt lesen kann, ich hab shcon n Teil rausgelöscht - den gibts dann unter der Quellenangabe zu lesen ;)


kex
 
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