Ich fühle mich in meinem Leben gefangen

Dabei
21 Aug 2018
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#1
Hallo zusammen,

ich habe mich gerade hier angemeldet, um meine Gedanken niederzuschreiben.
Vielleicht war schon mal jemand in einer ähnlichen Situation und kann mir von sich berichten. Beim Schreiben gerade eben habe ich gemerkt, dass mein Anliegen viel zu lang wird,daher versuche ich jetzt alles doch in wenigen Sätzen zusammenzufassen.

Ich bin mit meiner aktuellen Lebenssituation unzufrieden, weil:

1. mein Freund und ich keine Zeit für Zweisamkeiten haben, da
a) unsere Kinder 3 und 1 Jahr alt sind
b) er mit seiner Arbeit "verheiratet" ist (-> Anerkennung, Ansehen, viel Geld)
c) wir in einer Wohnung im Haus seiner Eltern wohnen und sein Vater ständig (= mehrfach täglich, teilw. bis 22/23 Uhr, bei uns ist)

2. mein Freund und ich sehr unterschiedliche Erziehungsstile verfolgen und uns selten bei der Erziehung einig sind
-> er möchte nach Laissez-Faire erziehen, erlaubt den Kindern fast alles, schimpft nie, stellt sich oft auf die Seite der Kinder und arbeitet gegen mich
-> ich bin für feste Abläufe und Strukturen, Regeln und lasse die Kinder im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitbestimmen, sehe es aber oft so, dass ich der Erwachsene bin und in manchen Situationen einfach besser entscheiden kann was für das Kind gut ist und was nicht und Kinder eben nicht alles frei entscheiden können.
-> er möchte keinen Streit, erlaubt den Kindern alles (bis spät fernsehen? kein Problem! Nochmal ein Eis vor dem Schlafen gehen? Hier für dich! Das Kind hat einen Wutanfall, weil es nur ein Stück Schokolade haben darf? Nicht streiten, hier eine eigene Tafel für dich allein!)

3. wir seit einem Jahr auf dem Dorf leben (400 Einwohner)
-> ich komme ursprünglich aus einer Kleinstadt, die quasi der Vorort einer Großstadt ist
-> ich habe eigentlich zugestimmt mit den Kindern in sein Heimatdorf zu ziehen

-> ich bin auf dem Land unzufrieden, da
a) ich es nicht richtig schaffe mir ein soz. Umfeld aufzubauen (die anderen leben schon immer dort und sind miteinander verwandt;
mein Freund hat kein Interesse sich in die Dorfgemeinschaft einzubringen)
b) ich mich sehr einsam fühle (meine Freunde wohnen alle mind. 1 h entfernt)
c) ich die Leute als sehr verschlossen und (ich übertreibe etwas) "weltfremd" empfinde
d) ich immer überall mit dem Auto hin muss; es gibt hier keinen Supermarkt im Dorf und auch die nächste "Stadt" hat nicht viel zu bieten
e) es hier nichts gibt, was mir früher Spaß gemacht hat (keine ordentlichen Cafes um mal Kaffee trinken zu gehen, keine Restaurants, keine
Möglichkeit irgendwo hin zu spazieren, um irgendwas zu erledigen)
f) mir das Wetter/Klima hier nicht gefällt (lange, schneereiche Winter, milde/warme Sommer und überall Berge;
ich komme ursprünglich aus einer ganz anderen Region, kaum/fast nie Schnee, warme, stickige Sommer)

4. ich nicht nur mit dem Landleben, sondern auch mit unserer Wohnung unzufrieden bin, da die Wohnung
a) im Haus seines Vaters ist und er ständig bei uns ist
b) eine Baustelle ist (das Haus ist seit Jahrzehnten weder von Außen, noch von Innen fertig ausgebaut)
c) nicht kindersicher ist
d) viel zu klein ist (nur ein Kinderzi. mit 9m²)
e) nicht einmal einen Waschmaschinenanschluss hat
-> ursprünglich sollte alles nach und nach fertig gemacht werden, jetzt geht es schon seit Monaten nicht vorwärts




Ich habe jetzt von allem Abstand gebraucht und war mit den Kindern knapp 3 Wochen in meinem Heimatort, bin in meinem Gedankenkarussell aber nicht weiter gekommen. Was kann ich machen um die aktuelle Situation zu verbessern?

zu 1.) Zeit für Zweisamkeit schaffen, aber wie? Ich habe immer die Kinder, er möchte nicht, dass "Fremde" auf die sie aufpassen. Es passt ihm nicht einmal, dass die Große in den Kindergarten geht. Sein Vater hat nicht immer Zeit um auf die Kinder aufzupassen und 2 Kinder sind ihm zu viel und ich finde, dass sein Vater keinen guten Einfluss auf die Kinder hat. Und was können wir überhaupt zusammen unternehmen ohne gleich ewig weit mit dem Auto fahren zu müssen?

zu 2.) ich wollte mich schon mit ihm zusammensetzen und einzelne Situationen durchsprechen, wie wir handeln/ erziehen wollen...er hat sich über mich lustig gemacht, dass ich jetzt mit meinen Pädagogik-Weisheiten komme

zu 3.) wegziehen? Will er nicht, er fühlt sich in seinem Heimatort wohl, hat in seinem Leben noch nie woanders gewohnt

zu 4.) eine andere Wohnung suchen? Will er auch nicht und ich kann mir keine Wohnung leisten, da ich ja aktuell kein Einkommen habe


Mein Problem ist außerdem, dass ich jetzt seit langer Zeit mal wieder richtig in meinem Heimatort war (also länger als nur ein Wochenende) und es geht mir hier sooooooo gut, dass ich am Liebsten nicht mehr hier weg möchte. Um ehrlich zu sein, habe ich meinen Freund, der nur einmal einen Tag hier war, nicht vermisst. Er ist mir zwar wichtig, aber ich bin mir gerade nicht sicher, ob wir einfach nur aus "Vernunft" zusammen sind. Seit 2 Tagen schreibt er mir, dass er mich und die Kinder vermisst und er froh ist, wenn wir wieder bei ihm sind und dann habe ich einfach nur ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, weil ich ja am liebsten gleich hier bleiben würde und mir gedanklich schon ausmale wie ich hierher umziehe, überlege in welchen Kindergarten die Kinder gehen könnten und ich mich beruflich doch hierher versetzen lassen könnte. Wenn ich mir vorstelle, dass vielleicht alles so weitergeht wie bisher und ich noch die nächsten Jahre dort auf dem Dorf verbringe, bekomme ich Panik und Herzrasen.

Vielleicht war hier schon mal jemand in einer ähnlichen Situation und kann mir von sich berichten.

Vielen Dank!
 
Dabei
30 Nov 2014
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1.313
#2
Hallo.

Nun, von Gefangenschaft würde ich eher nicht reden. Schließlich bist du freiwillig in diesen "Knast" gegangen.

Ansonsten sieht mir das nach einem Klassiker aus. Frau sucht Erzeuger und Versorger und merkt dann, dass es hinten und vorne nicht passt. Ich spreche mal ein paar Punkte an.

1. mein Freund und ich keine Zeit für Zweisamkeiten haben, da
a) unsere Kinder 3 und 1 Jahr alt sind
Wenn beiden Seiten es wollen schafft man trotz der schwierigen Situation Zeit für Zweisamkeit zu haben.

b) er mit seiner Arbeit "verheiratet" ist (-> Anerkennung, Ansehen, viel Geld)
Vielleicht sollte er etwas weniger arbeiten. Wäre nicht der erste der sich jahrelang abgeschuftet hat und dann, im schlimmsten Fall, früh ins Gras beißt. Von Anerkennung und Geld kann er sich dann auch nichts mehr kaufen.

c) wir in einer Wohnung im Haus seiner Eltern wohnen und sein Vater ständig (= mehrfach täglich, teilw. bis 22/23 Uhr, bei uns ist)
Wenn man auf der Suche nach mehr Zweisamkeit ist und die wenigen möglichen Momente durch den Vater torpediert werden ist das natürlich ungünstig. Warum ist das denn so? Finde ich in dem Ausmaß eher ungewöhnlich. Vielleicht setzt ihr euch zu dritt zusammen und redet darüber?

2. mein Freund und ich sehr unterschiedliche Erziehungsstile verfolgen und uns selten bei der Erziehung einig sind
Das wusstest du sicherlich schon vorher.

-> er möchte nach Laissez-Faire erziehen
Das klingt für mich nicht nach einem bewussten Laissez-Faire-Modell sondern nach "du darfst von mir aus alles, geh mir bloss nicht auf die Nerven!".


-> ich bin auf dem Land unzufrieden, da
a) ich es nicht richtig schaffe mir ein soz. Umfeld aufzubauen (die anderen leben schon immer dort und sind miteinander verwandt;
mein Freund hat kein Interesse sich in die Dorfgemeinschaft einzubringen)
b) ich mich sehr einsam fühle (meine Freunde wohnen alle mind. 1 h entfernt)
c) ich die Leute als sehr verschlossen und (ich übertreibe etwas) "weltfremd" empfinde
d) ich immer überall mit dem Auto hin muss; es gibt hier keinen Supermarkt im Dorf und auch die nächste "Stadt" hat nicht viel zu bieten
e) es hier nichts gibt, was mir früher Spaß gemacht hat (keine ordentlichen Cafes um mal Kaffee trinken zu gehen, keine Restaurants, keine
Möglichkeit irgendwo hin zu spazieren, um irgendwas zu erledigen)
f) mir das Wetter/Klima hier nicht gefällt (lange, schneereiche Winter, milde/warme Sommer und überall Berge;
ich komme ursprünglich aus einer ganz anderen Region, kaum/fast nie Schnee, warme, stickige Sommer)

4. ich nicht nur mit dem Landleben, sondern auch mit unserer Wohnung unzufrieden bin, da die Wohnung
a) im Haus seines Vaters ist und er ständig bei uns ist
b) eine Baustelle ist (das Haus ist seit Jahrzehnten weder von Außen, noch von Innen fertig ausgebaut)
c) nicht kindersicher ist
d) viel zu klein ist (nur ein Kinderzi. mit 9m²)
e) nicht einmal einen Waschmaschinenanschluss hat
-> ursprünglich sollte alles nach und nach fertig gemacht werden, jetzt geht es schon seit Monaten nicht vorwärts
Entschuldigung, aber das sind doch fast auschließlich Dinge bzw. Umstände, die ebenfalls schon vorher klar waren. Dass du nun unzufrieden bist, nachdem du deine eigenen Interessen und Wünsche zurückgestellt hast, ist nicht verwunderlich.

Besonders unverständlich finde ich dabei, wie man in eine Wohnung mit nur einem Kinderzimmer ziehen kann - schließlich war das 2. Kind zu dem Zeitpunkt ja schon da! Warum hast du da bloss zugestimmt. Hast du in der Beziehung wirklich gar nichts zu melden und sagst zu allem "ja und Amen"? Scheint zumindest so.

Es passt ihm nicht einmal, dass die Große in den Kindergarten geht.
Seine Begründung dazu? Das ist doch das normalste von der Welt. Was stimmt mit dem nicht?

zu 2.) ich wollte mich schon mit ihm zusammensetzen und einzelne Situationen durchsprechen, wie wir handeln/ erziehen wollen...er hat sich über mich lustig gemacht, dass ich jetzt mit meinen Pädagogik-Weisheiten komme
Kein gutes Zeichen wenn er dich nicht ernst nimmt. Mache ihm unmißverständlich klar, dass du es ernst meint und sich ein paar Dinge ändern müssen. Sonst ist das Ende der Beziehung praktisch vorprogrammiert.

zu 3.) wegziehen? Will er nicht, er fühlt sich in seinem Heimatort wohl, hat in seinem Leben noch nie woanders gewohnt
Tja, Stadtmensch trifft Landei.

zu 4.) eine andere Wohnung suchen? Will er auch nicht und ich kann mir keine Wohnung leisten, da ich ja aktuell kein Einkommen habe

Er ist mir zwar wichtig, aber ich bin mir gerade nicht sicher, ob wir einfach nur aus "Vernunft" zusammen sind.
Der Eindruck kommt auf. Kein Sex, keine gemeinsamen Unternehmungen und die Kommunikation untereinander läuft auch total schief.


Was kann ich machen um die aktuelle Situation zu verbessern?
Ein paar Dinge ließen sich sicherlich aus der Welt schaffen, schwieriger sind die zwischenmenschlichen Probleme.

- Haus fertigstellen
- Ihm klar machen, dass es für die Beziehung nicht förderlich ist wenn der Papa euch jeden Abend belagert
- euch auf einen gemeinsamen Erziehungsstil einigen - erfordert natürlich einen beiderseitigen Kompromiß

und dann habe ich einfach nur ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, weil ich ja am liebsten gleich hier bleiben würde
Sag es ihm genau so. Vielleicht merkt er dann, dass Handlungsbedarf besteht. Zumindest dafür, dass es noch eine Chance für die Beziehung gibt. Bei so vielen unterschiedlichen Ansichten sieht es aus meiner Sicht jedoch nicht gut aus. Aber du hast ihn sicherlich aus guten Gründen (womit ich wieder am Anfang meines Beitrages bin) ausgesucht.
 
Dabei
23 Nov 2016
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390
#3
Für mich klingt es auch so, als hättest du dich selbst in eine missliche Lage hineinmanövriert.

Viele Umstände, die dir jetzt auf die Nerven gehen, waren vorher ja auch schon da. Aber offenbar hast du dich allem angepasst, ohne rechtzeitig eigene Wünsche und Vorstellungen durchsetzen, die dir wichtig gewesen wären.

Jetzt "wachst" du auf und reibst dir verwundert die Augen, dass du dort gelandet bist und alles nicht so schön ist, wie du es dir (naiverweise?) vorgestellt hast.

Daher wäre es jetzt auch unfair deinem Freund und deinen Kindern gegenüber zu sagen: Ich will doch nicht und gehe jetzt.

Dass dir das Klima und die Berge nicht mehr gefallen, finde ich beispielsweise etwas lächerlich. Dass du mehr soziale Kontakte brauchst, ist dagegen sehr verständlich.

Du musst jetzt das nachholen, was du versäumt hast: dir die Umstände so zu gestalten, dass du damit gut leben kannst.

Das ist eine Menge Arbeit und passiert nicht von jetzt auf gleich.

Du solltest mit deinem Freund reden und in kleinen Schritten Veränderungen herbeiführen. Sei bestimmt und vertrete deine Ansichten. Biete deinem Freund aber auch Kompromisse an.

Anstatt komplett wegzuziehen, könntest du zB. deinem Freund einen konkreten Vorschlag unterbreiten: Ihr könntet Eure Wohnung vermieten und eine größere Wohnung anmieten. Dann wärst du auch den Schwiegervater "los". Falls dein Freund nicht motiviert ist, würde ich die Planung an deiner Stelle einfach in die Hand nehmen und nach Wohnungen suchen. Zeig deinem Freund, wie wichtig es dir ist und nimm die Dinge in die Hand statt zu warten, dass er es tut.

Gruber hat ja schon angedeutet, dass der "Laissez-faire"-Stil deines Freundes auch darin begründet liegen könnte, dass dein Freund nach einem anstrengenden Arbeitstag keine Lust und Energie mehr hat, mit den Kindern Konflikte auszutragen. Eventuell reagiert er so, weil er es nicht anders kann und nicht, um deine Autorität zu untergraben. Manchmal ist eine Familienberatung hilfreich, um zu helfen, solche Dinge aufzuklären. Man gerät schnell in die Schiene, dass man als Eltern sich gegenseitig Vorwürfe macht, obwohl es nicht nötig wäre, wenn man die wahren Beweggründe, die hinter einem Verhalten stecken, kennen würde.
 
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