Daddy Issues

Dabei
23 Nov 2016
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#61
Verurteile nicht Menschen, die du nicht kennst, und die sich in Situationen befinden, die du nicht einschätzen kannst, YKMN.
 
Dabei
23 Nov 2016
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#62
Aber wenn es Idkat hilft, ihren Vater als "erbärmlichen Jammerlappen" zu sehen und den Kontakt abzubrechen, wäre das wohl auch okay. Das ist ja bei sehr vielen Menschen so. Warum also nicht?
 
Dabei
6 Feb 2017
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#63
Vielen Dank für eure Beiträge... Ich möchte gerne einzeln auf euch eingehen.

Zuerst möchte ich mich an Badesalz richten:
Ich bin ganz gerührt, dass du dir mein Thema durchgelesen hast und dir auch die Zeit genommen hast darauf zu antworten.. Ich weiß ja, dass du gerade ganz andere Dinge im Kopf hast, von daher wirklich vielen Dank!

Ich möchte dich eigentlich nicht zu sehr hier einspannen, denn ich denke du hast wirklich wichtigeres was dich beschäftigt, aber da du dich hier eingebracht hast als jemand, der anscheinend die andere Seite dieses Konstruktes zu verstehen gelernt hat, habe ich eine Frage an dich:
Woher "weißt" du denn, dass dein Freund eigentlich gerne eine Beziehung/Bindung zu seiner Tochter hätte? Hat er das direkt so geäußert? Hat er mal gesagt er hätte sie gerne mehr um sich und vermisst sie? Oder schließt du es nur daraus, dass er überfordert auf sie reagiert? Denn das kann ja auch andere Ursachen wie schlechtes Gewissen etc. haben.. Das muss ja nicht bedeuten, dass er seine Tochter so liebt und gerne Zeit mit ihr verbringen würde, aber sich selbst im Weg steht.
Und wenn es aber wirklich so sein sollte, dass er das Mädchen total mag und sie gerne um sich hätte - was genau hält ihn davon ab es zu tun?

Versuche ihm auf gleicher Ebene zu begegnen. Versuche ihn so zu sehen, wie du einen guten Freund siehst, mit dem dich eine ungewöhnliche Geschichte verbindet.
Naja, das würde er zumindest nicht kommen sehen... Aber es würde mich auch zur Meisterin der Selbstkontrolle machen, wenn ich das schaffen sollte ;).
Mein Problem bei der Sache ist, dass ich mich nicht hineinfühlen kann, wie ich bei einem engen Freund damit umgehen würde, weil da soetwas nicht zustande kommen würde. Ich sammel tendenziell keine Menschen in meinem Umfeld, deren Schwäche es ist, dass sie Aussprachen verweigern und sich so lange zurücklehnen, bis man ihnen alles abnimmt.

Ich weiß nicht wie toll das auf Dauer ist das Prinzip zu verfolgen es jemandem, der es halt unglaublich gerne ganz einfach hat, dann eben auch alles so einfach wie möglich zu machen.
Zumal ich schon das Gefühl hatte das zu tun. Ich habe ihm extra zuerst freundliche, interessierte Nachrichten geschrieben, um einfach nur irgendeine Form von Kontakt mal wieder herzustellen. Meine Geburtstagsnachricht an ihn war so in etwa "ich wünsche dir ehrlich und von ganzem Herzen alles Gute und hoffe, dass du, auch wenn dein Urlaub schon vorbei ist noch ausreichend Zeit für Entspannung findest"- trallala.. Und dann antwortet er nichtmal ein "Danke, schön von dir zu hören" oder so und die Konsequenz, die ich dann daraus für mich ziehen soll ist "war wohl nicht entgegenkommend genug.."

Ich werde vermutlich mit ihm sprechen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals in deine Situation kommen werde ein ehrliches Verständnis dafür zu entwickeln.
Ich könnte es in der Tat mehr verstehen, wenn er mir irgendwann ganz offen ins Gesicht sagt, dass er mit mir ja offen gesprochen leider noch nie viel anfangen konnte. Dann würde wenigstens alles Sinn machen.


Jetzt zu YKMN:
:).... Ich denke du weißt wie sehr ich mich freue von dir zu hören.
Danke, dass du dir die Sache durchgelesen und darauf geantwortet hast und danke, dass du nicht versuchst ihn mir rational zu erklären.
Nicht falsch verstehen an die anderen: Ich bin hier ja, um Dinge zu erkennen die ich selber nicht sehe... Aber es ist auch ganz nett mal zwischendrin Zustimmung zu erhalten, was meine eigene Perspektive angeht.

. Also solltest du das tun, was du eher ungerne tust - versuchen, dich dem Problem ernsthaft zu stellen
Haha... Jaa, du hast vermutlich Recht, dass es mich sonst eh nicht loslassen würde. Und ja, der Punkt von the_m, dass ich dann zumindest "abschließen" könnte ist auch nicht schlecht. So weit war ich eigentlich auch schon... Blieb aber eben die Frage, wie ich es am Besten mache. Und da ist dann auch die Frage, was ich raushaben will...
Will ich ihm einfach nur alles mal gesagt haben, unabhängig vom Outcome, dann wäre dein Ansatz halt der richtige.. Aber ich bin mir ja gar nicht so sicher, dass ich mir ein schlechtes Ergebnis im Nachhinein nicht vorwerfen würde.. Und wenn ich auf ihn zugehe in der Hoffnung unser Verhältnis ins Positive zu verändern, dann bin ich direkt wieder in dieser Rolle drin, die versucht sich ihm anzupassen.
Mein Bruder meinte gestern auch zu mir "Du kannst doch ein gutes Verhältnis zu ihm haben, du musst dir eben nur vornehmen runter zu schlucken."
Das klingt jetzt nicht sooo erstrebenswert, aber ich sehe auch keine wirklichen Alternativen. Entweder das, oder dein Ansatz. Ich weiß halt wirklich nicht, was besser ist.


Und nun zu Twin:
Entschuldigen für den Tonfall in meiner letzten Nachricht an ihn.
Klein und unbedeutend, weil... Ich Selbstliebe in der Theorie verstehe, aber anscheinend nicht in der Praxis. Ich brauche doch irgendwie Bestätigung von außen, um mich sicher zu fühlen.
Es dabei belassen... Fand ich auch schon verlockend ;) Aber jetzt hab ich schon so lange rumgejammert, jetzt will ich da irgendwie mal einen Schritt weiter kommen und ich kann mich ja nicht wirklich darauf verlassen, dass er da nochmal was machen wird.
 
Dabei
27 Aug 2012
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#64
Verurteile nicht Menschen, die du nicht kennst, und die sich in Situationen befinden, die du nicht einschätzen kannst, YKMN.
Ich weiß von den Angststörungen und der schweren Krankheit deines Freundes. Das sind zwei große Klopper, die bei idkat's Dad nicht zutreffen und weswegen dein Versuch, Parallelen zwischen beiden zu ziehen, vermutlich auch stark hinkt. Dein Freund hat momentan vor fast allem Angst, also auch als Vater zu versagen. Und dann will er vermutlich seine erst vor kurzem kennengelernte Tochter auch nicht mit seinen Sorgen (Krankheit) belasten, weil sie auch so schon genug an der Backe hat, und hält deshalb lieber Abstand. Das trifft hier in diesem Fall alles nicht zu, es gibt keine mildernden Umstände für idkat's Vater. Dennoch sorry, dass ich etwas zu sehr drauf gehauen habe, ich hoffe natürlich dass sich für dich/euch alles zum Guten wendet. Übrigens, was deinen Mann positiv hervorhebt, ist dass er nicht versucht, mit seiner Tochter emotionale Spielchen wie dieses Experiment zu treiben. Ein weiterer wichtiger Unterschied zu hier.

Und da ist dann auch die Frage, was ich raushaben will...
Will ich ihm einfach nur alles mal gesagt haben, unabhängig vom Outcome, dann wäre dein Ansatz halt der richtige.. Aber ich bin mir ja gar nicht so sicher, dass ich mir ein schlechtes Ergebnis im Nachhinein nicht vorwerfen würde..
Ich glaube, was du dir wünschst, ist ein inniges Verhältnis, aber nur, wenn das auf Augenhöhe passieren kann und er dich so akzeptiert, wie du bist - du dich also nicht verstellen musst.

Entsprechend solltest du auch den Kontakt suchen und wie zwei normale Menschen reden - ohne dass du dich verbiegst.

Und wenn ich auf ihn zugehe in der Hoffnung unser Verhältnis ins Positive zu verändern, dann bin ich direkt wieder in dieser Rolle drin, die versucht sich ihm anzupassen.
Mein Bruder meinte gestern auch zu mir "Du kannst doch ein gutes Verhältnis zu ihm haben, du musst dir eben nur vornehmen runter zu schlucken."
Das klingt jetzt nicht sooo erstrebenswert, aber ich sehe auch keine wirklichen Alternativen. Entweder das, oder dein Ansatz. Ich weiß halt wirklich nicht, was besser ist.
Wie gesagt, ich denke nicht, dass du es auf diese Art haben willst. Entweder ehrlich oder besser gar nicht. Und ich würde es mir da auch gar nicht so kompliziert machen. Paar gedankliche Stichpunkte und dann einfach mal machen, anrufen. Das ist gar nicht so schwer^^ auch wenn die Aufgabe so gewaltig wirkt. Hier wird viel zu viel abgewiegt und überlegt, alles so theoretisch. Mehr machen!

Wie verspeist man einen Elefanten? - In Scheiben :mrgreen: nur man muss halt irgendwann damit anfangen!
 
Dabei
6 Feb 2017
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#65
So. Tut mir leid, dass ihr mein ewiges im-Kreis-Gerenne alle mit ansehen musstet. Wollte ja ursprünglich nur ein Feedback für die vorformulierte Nachricht und dann ging es in die ewige "aber was soll ich denn machen"-Schleife. Unangenehm. Sorry.

Ich habe jedenfalls jetzt angerufen.. Das Gespräch ging 2,5 Stunden. Es begann sehr scheiße und wurde dann doch noch ganz gut:

Es ging damit los, dass ich anrief und er fragte wie es mir denn ginge und was ich so mache. Also Smalltalk. Natürlich ließ ich mich drauf ein. Dabei blieb das Gespräch dann auch. Wir unterhielten uns über unsere Leben, unsere Jobs, mein Studium, den Bundestag, das Buch, den Film.. alles außer unsere Differenzen ;)
Die ersten 40 Minuten war ich deshalb sehr enttäuscht von mir selbst. Ich lief wie eine Verrückte pausenlos hin und her, meine Stimme zitterte und ich war den Tränen nahe und dachte einfach nur ich bin so schwach, dass ich jetzt tatsächlich nichts von den Dingen rausbringe, die ich eigentlich sagen wollte.
Nach 40 Minuten hatte ich mich mit meiner Schwäche abgefunden, tröstete mich innerlich mit "wird bestimmt noch mehr Chancen geben", legte mich auf mein Bett und beschloss - dann wird es jetzt halt nur Smalltalk. Redeten dann noch eine Weile über Sport und so und schließlich kamen wir zum Ende und wollten uns verabschieden, als er meinte "hat mich wirklich sehr gefreut, dass du angerufen hast" und ich antwortete "ja..... tut mir leid, dass es so lange gedauert hat".
DANN fing er an - ich denke ich muss ihm dafür danken - nochmal den Vorwurf bezüglich des Tonfalls nach 24h ausbleibender Antwort zu machen. Mein Stichwort.
Ich gestand ein, dass der provozierend von mir war und dass ich aber aus meiner Perspektive schon sehr viel länger ohne Antwort belassen worden war und dass in Anbetracht der Umstände es auch nicht überraschend ist, dass ich das als Ignorieren oder Kränkung empfinde. Ich gestand außerdem direkt auch noch ein (bevor der Vorwurf kommen konnte), dass ich seine regelmäßigen Anrufe jahrelang als selbstverständlich aufgefasst und auch irgendwie genossen hatte - weil das ja auch noch nicht immer so bei uns war. Ich sagte auch, dass wir einfach eine schwierige Beziehung hätten, weil ich ihm hier einerseits vorwerfe mich zum Subjekt einer Strichliste zu machen wer wen wie oft anruft etc., ich aber weiß, dass ich genau das gleiche mache, wenn ich mich aus Trotz nicht bei ihm melde in der Auffassung jetzt müsste mal wieder was von ihm kommen...
Lange Rede, kurzer Sinn: Wir schilderten beide ausführlich unsere Sichtweisen auf Dinge - immer abwechselnd - und ich bin immernoch sehr angespannt gerade, aber ich denke es wird bald abklingen.
Auf jeden Fall scheint es ein Schritt in die richtige Richtung gewesen zu sein. Er meinte am Ende an welchen Wochentagen ich denn gut erreichbar wäre und dass ich in Zukunft an keinem Donnerstag Nachmittag mehr sicher vor seinen Anrufen wäre. Ich meinte, sollte doch mal einer ausbleiben, würde ich mich melden.

THE END.

Danke euch allen..!!!

P.s.: Mein Handy sagt mir gerade, dass er mir jetzt die Predigt geschickt hat nach der ich in der einen Facebook-Nachricht gefragt hatte. Es läuft :)
 
Dabei
5 Jun 2015
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#66
Das ist eine sehr schöne Nachricht und ich freue mich wirklich sehr für euch.
ich habe diesen Tread mit viel Mitgefühl mitgelesen.
Auch dein Vater wird sehr froh sein über diesen Neuanfang.
 

Papatom

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Dabei
12 Sep 2012
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#67
Moin,
na, das klingt doch prima. Manchmal sind die Gedankengänge die zu einer Lösung führen schwerer, als dan die tatsächliche Tat/ Aktion ;)

Schön auch, dass Du es geschafft hast, dass Ihr Beide zu Wort gekommen seid, denn eine Grundlage für kontruktive Kommunikation wäre ja, dass sich auch Beide wahrgenommen fühlen.

Viel Glück dann ;)

Grüße
 
Dabei
27 Mrz 2012
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#68
Cool! Danke für das feedback. Scheint als hättet ihr beide endlich die Chance gehabt euch etwas von der Seele zu reden. Das wird jetzt bestimmt sehr befreiend wirken, viel Spaß damit!
 
Dabei
6 Feb 2017
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#69
Danke. Von seiner Seite kamen auch noch ein paar Eingeständnisse (nachdem ich so viele gemacht hatte, folgte er dem Trend ;)).

Aber ich denke, dass es jetzt schon noch etwas unangenehm manchmal wird, dass ich mich mit Dingen halt abfinden muss und lernen muss, mich davon nicht treffen zu lassen.

ZB. ging es gestern um eine Klausur, die ich unbedingt bestehen muss und er meinte dann "ach da mach ich mir bei dir keine Sorgen, so wie ich dich einschätze".. und ich hatte irgendwie noch die naive Hoffnung er sagt "so wie ich dich einschätze, bist du intelligent genug", aber er meinte dann "so wie ich dich einschätze, bist du fleißig genug um ausreichend Übungsaufgaben zu rechnen, um dir das noch anzueignen."
Fleißig.
Also wenn wir jetzt bei Familien-Quiz wären und es ginge um "10 Adjektive, die idkat beschreiben", dann hätte es "fleißig" halt sicher nicht in die Liste geschafft.
Aber er kriegt ja nicht genug mit, um das zu wissen.
Es wurde auch gestern wieder sehr viel über meinen Bruder geredet und sogar in unserem "klärenden" Gespräch weichte er dann themenmäßig da rüber und erklärte mir seine gesamte Sicht in der Situation mit meinem Bruder, aber da hab ich halt zugehört und das danach alles meinem Bruder weiter gegeben. Denke das war, was er wollte.
Aber ich muss halt lernen sowas nicht persönlich zu nehmen, sondern mich damit abzufinden dass meine Brüder eben beide ausreichend lange von ihm großgezogen wurden und ich da bereits mit 5 Jahren raus war und da einfach nicht so viel ist..

Achso, abschließend möchte ich mich bei
Peachy, Twin, Rapante, Klingel, the_m, Insomnius, Papatom, Cybele, Badesalz und YKMN - jedem einzelnen von euch nochmal bedanken ;)
Krass, haben sich viele dem angenommen...
 
Dabei
23 Nov 2016
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#70
Es ging mir um etwas Grundsätzliches, das in zwischenmenschlichen Beziehungen immer wieder zu beobachten ist. Mir ist natürlich klar, dass Idkats Vater nicht genauso ist wie mein Freund oder umgekehrt. Und auch wenn das Telefonat jetzt erst einmal zu einem erfreulichen Ergebnis geführt hat (solche erfreulichen Gespräche gab es bei uns auch einige ...), scheint mir das Fundament doch nicht sehr stabil und deswegen würde ich gerne nochmal auf ein paar Punkte hinweisen wollen, damit es eben nicht wieder zu einem Kontaktabbruch oder Verletzungen kommt.

- "Liebe" oder ein Gefühl der Zuneigung lässt sich nicht einfordern. Auch nicht vom eigenen Vater. Sie ist nicht einfach da oder selbstverständlich, nur weil man (eng) miteinander verwandt ist. Kinder verdienen ganz sicher die Liebe ihrer Eltern. Aber deshalb lässt sie sich leider trotzdem nicht einfordern. Denn Zuneigung ist ein Gefühl, dass man jemandem entgegenbringt und Gefühle entstehen nur aus einem selbst heraus, sie lassen sich nicht vom anderen erzeugen.

- Oft sehnen wir uns aber so sehr danach, die Liebe von einer Person bestätigt zu bekommen, dass man dazu neigt, Druck auszuüben. Durch (latente) Vorwürfe, wiederholte Gespräche darüber etc. Das führt aber nur dazu, dass die Zuneigung kleiner wird. Dass man versucht, diesen als unangenehm und erzwungen empfundenen Gesprächen aus dem Weg zu gegen. Deswegen ist es gut, dass sich das lange Gespräch mit deinem Vater eben NICHT vor allem um eure Beziehung zueinander gedreht hat, sondern es erstmal SMALLTALK war.

- Denn wie entstehen Zuneigung und Verbundenheit? Dadurch, dass man sich angenommen und entspannt fühlt. Dass man stressfrei mit dem anderen kommunizieren kann. Dass es positive, schöne Erlebnisse miteinander gibt. Dass man das Gefühl hat, der andere interessiert sich wirklich für mich und die Dinge, die ich in meinem Leben so mache. Das Gespräch, liebe Idkat, war ein kleines schönes Erlebnis, das ihr hattet, weil ihr einfach nur mal über alltägliche Dinge gesprochen habt. Unser Gehirn merkt sich Negatives (wie z.B. ein Vorwurf) viel stärker und nachhaltiger als Positives (wie z.B. ein gutes Gespräch). Deswegen kann in angespannten Beziehungen schon ein "kleiner" Vorwurf, eine kleine Trotzreaktion oder ein negativer Unterton zum Rückzug des anderen führen. Es Bedarf dann erst einmal wieder vieler positiver Erlebnisse, um das Ganze zu stabilisieren.

- Rückzug muss nicht bedeuten, dass der andere einem egal ist. Es heißt erst mal nur, dass man gerade nicht in der Verfassung ist, sich mit einer bestimmten Situation auseinanderzusetzen. Und das kann alle möglichen Gründe haben. Z.B. Überforderung, Stress, eigene schmerzhafte Baustellen, ein Gefühl der Verletztheit (das man dem anderen nicht zeigen will). Der am wenigstens wahrscheinliche Grund ist meiner Erfahrung nach, dass der andere ein egoistisches Arschloch ist.

- Auch Kinder aus "normalen" Familien müssen ihr Bild von den eigenen Eltern im Laufe der Zeit "anpassen". Alle Eltern machen Fehler. Eltern verändern sich. Kinder werden erwachsen und müssen irgendwann aus ihrer Kind-Rolle aussteigen. Ich hatte einen Vater, der sich sehr für uns, für die Familie eingesetzt und alles gegeben hat. Früher habe ich zu ihm aufgeschaut und gedacht, dass ich nie so gut werde wie er. Heute hat sich das umgekehrt. Er schaut zu mir auf. Er hat auch Fehler gemacht. Es war nicht alles
richtig. Heute ist er alt und ich mache einiges anders als er. Heute bin ich selbst Mutter und mache auch Fehler. Das Bild, das man von seinen Eltern als Kind hatte oder das man gerne HÄTTE, stimmt ganz oft nicht mit der Realität überein. Man muss immer und immer wieder loslassen. Bestimmte Erwartungen und Vorstellungen loslassen. Und das ohne Groll.
 
Dabei
6 Feb 2017
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#71
Liebe Badesalz,

danke für dein letztes Feedback. Ich sehe alle deine Punkte, aber ich denke wir werden hier abwarten müssen.

(solche erfreulichen Gespräche gab es bei uns auch einige ...)
Bei uns nicht. Für mich war das gestern das erste offene Gespräch, das ich mit meinem Vater über das Verhältnis zwischen ihm und mir hatte seit ich lebe.
Meine größte Angst vor dem Gespräch gestern war ja auch nicht, dass rauskommen könnte, dass er mich nicht liebt, sondern dass es in ein "gespieltes" Verhältnis zurückgehen könnte in dem so getan wird als ob. Deshalb hatte ich auch Angst im Smalltalk zu landen und deshalb hat YKMN mir auch davon abgeraten.
Ich hatte den Beruf meines Vaters hier auch nicht erwähnt, um auszusagen, dass er ja eigentlich einen Heiligenschein tragen müsste, sondern um seine Person besser zu charakterisieren: Er macht Trauerbegleitung, Paarbegleitung, unterrichtet Hauptschüler, bringt Flüchtlingen deutsch bei, gibt Mathenachhilfe und fungiert als Ratgeber für alle möglichen Menschen der Kirchengemeinde. Er hat eine gute Menschenkenntnis und rhetorisch unbewandert ist er jetzt auch nicht.
Das bedeutet die Tatsache, dass er sich mit mir nie ernsthaft auseinander gesetzt hat, sondern schon bei Ansätzen von tiefer gehenden Themen geschwiegen oder abgelenkt hat, habe ich als Verweigerung interpretiert. Und sein Grund war dabei auch gar nicht so wichtig, denn egal warum jemand einer Aussprache aus dem Weg geht: Ich kann keine Beziehung mit jemandem führen, der selbst keine mit mir führt.

Also war das für mich gestern ein riesen Schritt, weil ich jetzt zum ersten Mal erfahren habe, dass ich ihn so ansprechen kann, dass er sich darauf einlässt und mit mir redet.
Für mich macht das gerade den totalen Unterschied. Aber vielleicht hast du Recht, vielleicht freue ich mich zu früh und vielleicht sollte ich mich lieber für weitere Enttäuschungen wappnen, indem ich meine Einstellung so ändere dass ich unenttäuschbar werde (so habe ich deine Tipps verstanden), aber jetzt momentan bin ich happy so wie es ist.
 
Dabei
6 Feb 2017
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#72
Da ich jetzt wieder in Deutschland bin und soeben ein Telefonat mit meinem Paps hatte, habe ich Lust bekommen, einen momentanen Stand zu schreiben - für die Leute, die es interessiert.

Es ist ja jetzt so zwei Monate her, also vielleicht noch nicht genug Zeit, um etwas definitives sagen zu können, aber bis jetzt fühlt es sich sehr anders an, als damals.

Anfangs wirkte das noch nicht so, weil zB wenn ich ihn zum zweiten Mal hintereinander anrief, sowas kam wie "Oh, du bist es. Ich wollte dich doch die Tage noch anrufen.."
Als ob ich ihm mit einem Anruf ein Bein stellen würde, oder so, aber das bin ich einfach immer übergangen und inzwischen fühlt es sich normal an, dass einfach der anruft, der gerade daran denkt oder Lust hat.
Ich war um Weihnachten herum einen Tag da, mit Übernachtung.
Ironischer Weise schenkten wir uns gegenseitig zufällig denselben Film: Toni Erdmann :)

Insgesamt habe ich mein Verhalten - für mich - recht radikal verändert. Damals in dem klärenden Gespräch sagte er zu mir etwas in der Art von "Aber dann will ich, wenn ich dich anrufe, auch was zu hören kriegen und nicht immer nur 'ja läuft gut' und 'ja alles beim Alten'."
Kritik nehme ich mir natürlich zu Herzen ;)
Also habe ich darüber nachgedacht und beschlossen, dass ich wirklich wenig preisgebe und dann eine Vater-Tochter-Bindung zu erhoffen vielleicht ein bisschen naiv ist.
In dem Sinne ist es auch kein Wunder, dass er denkt ich sei fleißig. Er hat ja nur mitbekommen, dass ich gute Noten hatte und vom Schule schwänzen und Nachsitzen hab ich jetzt ja wohl eher nicht erzählt.
Also Vorsatz: Kein Verstellen mehr.
Fing damit an, dass ich im Restaurant dann zu seiner großen Überraschung ein Radler bestellt habe, was auch extra nochmal erstaunt von ihm hervorgehoben wurde.
Ich habe auch zum Beispiel - als die Story in den Kontext gepasst hat - davon erzählt, wie ich mal mit Überalkoholisierung ins Krankenhaus kam. Das hat ihn auch ziemlich überrascht, aber er hat dann nur damit angegeben, wie gut er darin ist rechtzeitig aufzuhören. Da meinte ich das lerne ich jetzt 2018 auch.
Abends sind wir beide viel länger wach geblieben, als der Rest, und irgendwann jeder auf einer Couch eingeschlafen mit noch einem kleinen Rest Rotwein in der Flasche.

Sein Verhalten mir gegenüber ist anders, aber ich kann nicht ausmachen, ob er sich das auch so vorgenommen hat, oder ob es eine Reaktion auf mein anderes Verhalten ist.
Er gibt sich auf jeden Fall viel entspannter und lustiger. Dadurch, dass ich mich jetzt nicht mehr zurücknehme damit was ich erzähle und was nicht, kommen lustige Anekdoten-Austäusche zustande.

Vielleicht war es also auch alles einfach nur ich..??
Hab ich mich jetzt 24 Jahre lang weniger gemocht als meine Brüder gefühlt und hätte es aber jederzeit kippen können, wenn ich einfach nur mal nichts zurückgehalten hätte?

Das wär halt schon schade, aber denke mal besser spät als nie....

Also zusammenfassend läuft es bisher jedenfalls sehr gut, wobei, wenn man selbst glücklich und zufrieden ist, sich ja Gott sei Dank immernoch außenstehende Skeptiker einschalten, um einen auf dem Boden zu halten :p
Ich denke wir werden sehen.

Das ist jedenfalls der Stand bisher.
 

Papatom

Moderator
Dabei
12 Sep 2012
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#73
Moin,
schön zu hören. So wünscht man sich das doch. Ich meine, da Du nicht mit ihm aufgewachsen bist ist es logisch, dass Du mehr investieren musst, als Deine Brüder. Zudem ist es auch nachvollziehbar, dass Du das wohlmöglich nicht konntest, als Du noch jünger warst. Das braucht. Damals hat wahrscheinlich viel mehr mit reingespielt, was es Dir nicht ermöglicht hat.

Letztlich ist die Art einer Beziehung auch immer Gewohnheit. Vorher habt Ihr Euch daran gewöhnt, keine Beziehung zu haben und dem jeweils anderen die Schuld dran zu geben. Da Du es glücklicherweise geschafft hast, Euren Teufelskreis zu durchbrechen, könnt Ihr Euch nun an Eure neue Qualität der Beziehung "gewöhnen".

Ist doch ein super Beispeil, dass es durchaus sehr sinnvoll sein kann, wenn sich beide nur Vorwürfe machen aber eigentlich das Selbe möchten, als erster über seinen Schatten zu srpingen.

Grüße
 
Dabei
6 Feb 2017
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#74
Ich befinde mich zur Zeit bei meinem Vater und irgendwie ist die Situation hier schwierig.

Also zwischen meinem Vater und mir ist alles super, aber meinem kleinen Bruder (ist jetzt 11) geht es überhaupt nicht gut. Das weiß hier auch jeder und seine Eltern machen sich da auch Sorgen, aber ich sehe sie irgendwie als mitverantwortlich dafür. Jetzt kann ich mich aber nicht in die Erziehung einmischen, das würde ganz schlecht ankommen. Vor allem weil ich selbst keine Kinder habe, gar nicht weiß wie das ist, nur super selten hier bin und das restliche Jahr ja nichts von deren Alltag mitbekomme... Also das würden so die Argumente sein mit denen ich rechnen müsste, wenn ich versuchen würde etwas zu sagen.

Wenn ich jetzt private Gespräche mit entweder meinem Vater oder meiner Stiefmutter hatte, hab ich so ganz vorsichtig schon Sachen einfließen lassen und versucht ein bisschen durch die Blume zu reden und da haben sie dann immer total entspannt reagiert. Dass sie früher ja auch so waren und es ja auch eigentlich nichts schlimmes wäre, aber das könnten sie so ja nicht vertreten, sie hätten ja einen Erziehungsauftrag. Ich kriege nur mit, wie mein kleiner Bruder mindestens 20 mal am Tag hört dass er nervt und bei kleinsten Diskussionen, die er versucht zu führen, dann angeschrien wird. Er wird meinem Gefühl nach überhaupt nicht ernst genommen. Und jetzt ist mein kleiner Bruder irgendwie ein Mensch geworden, der als super leichtes Opfer dient und in der Schule unter anderem geschlagen und getreten wird. Und ich weiß nicht genau was man jetzt tun kann...
Also seine Eltern sind natürlich auch total besorgt und ratlos, aber sehen glaube ich auch keine Schuld bei sich.

Vorhin meinte mein kleiner Bruder dann irgendwann zu mir "Idkat, weißt du was Martin Luther mal gesagt hat?" Ich: "Ne, was denn?" Er: "Es gibt keinen größeren Schaden als Kinder zu vernachlässigen." Ich: "Magst du den Satz?" Er: "Ja, ich würde ihn mir gerne an die Tür hängen... aber lieber nicht."

Ich würde ihm echt gerne helfen und irgendetwas für ihn verbessern, aber ich fühle mich in keinem Bereich in der Lage dazu.. Ich weiß einfach nicht wie und was und wo und alles blöd.
 
Dabei
5 Jun 2015
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#75
Hy Idcat
mir wird immer ganz grummelig im Magen, wenn ich Geschichten höre,
in denen leidende Kinder vorkommen.
ich habe mich sehr ausgiebig mit diversester Literatur zum Thema Kinderpsychologie beschäftigt
und das für mich großartigste Buch von allen,
ist das von Jesper Juul 'das kompetente Kind'
es ist sehr straff und kurz geschrieben, ganz einfühlsam kein bisschen belehrend oder anklagend.
Und absolut nachvollziebar.
es gibt einen ausgiebiegen Artikel bei Wikepedia zu seinen Arbeiten und Werdegang.

Es ist mir sehr unter die Haut gegangen und hat mich sicher durch eine zehnjährige Schulkatastrophe mit einem
ADS diagnostiziertem Sohn geführt.
Der trotz absolut schlechter schulischer Leistungen und Mobbing in der Schule,
und jährlich wechselnden Klassenlehren,
nun mit zwanzig Jahren ein sehr glücklicher, beliebter, starker und erfolgreicher junger Mann ist.
Und sehr besonders. ;)

Das Fazit des Buches in zwei Worten RESPEKT und VERTRAUEN
in die soziale Kompetenz JEDES Kindes.
Mein Rat, Leg dieses Buch deinem Vater kurz vor deiner Abreise auf den Nachttisch.
Er als Theologe, wird es vielleicht aus Neugier lesen.
Es wird seinen Blickwinkel auf sich selbst verändern.( wenn er sich darauf einläßt)
Das ist sicher
 
Zuletzt bearbeitet:
Dabei
27 Mrz 2012
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#76
Hallo idkat,

Das ist wirklich schlimm zu lesen. Kinder können wirkliche Monster sein (Schule).

Psychologisch gesehen sind Kinder immer der Spiegel der Eltern. Ich mag das Wort "Erziehung" nicht, denn es sagt wortwörtlich ja schon, dass man an Kindern zieht und zerrt, bis sie "passen". Wobei das aber meist nicht so abläuft, wie die Eltern es wollen, sondern wie sie selbst sind. Ist doch auch klar, die Eltern sind die näheste Vertrauensperson... das Kind lernt, was die Eltern vorleben.

Mit dem Wort "Erziehungsauftrag" war ja fast zu rechnen bei deinem Vater als Pfarrer. Ziemlich ironisch, wenn man dann die Beziehung zwischen ihm und dir und deinem Bruder über die Jahre anschaut... den besten Erfolg kann er ja nicht verbuchen (nicht böse gemeint), also könnte er da doch etwas realistischer drauf schauen, nein?

Alle ihre Argumente sind ja natürlich richtig. Allerdings bist du selber eine Person, die von Anfang an objektiv und unvoreingenommen auf die Situation schauen konnte — du wusstest ja nicht, was dich erwartet. Familiendynamiken wie das "Nerven" oder "Anschreien" kannst du also sehr wohl beurteilen.
Ironisch auch wie immer, dass dein Vater von Nächstenliebe und Toleranz predigt, aber seinem eigenen Sohn weder diese 2 Dinge noch Respekt entgegen zu bringen scheint...


Wie hast du denn deine Nachricht durch die Blume vermittelt und was wurde darauf gesagt? Würdest du dich trauen in einer akuten Situation das Problem direkt zu benennen? Das wirkt immer am besten, denn dann hast du sie ja auf "frischer Tat ertappt" und jeder weiß direkt was du meinst.

Was haben seine Eltern wegen des Mobbing veranlasst gemacht? Hat dein Halbbruder schon mit Vertrauenslehrern geredet? Kann er die Klasse oder Schule wechseln?

Und was ist dein Bauchgefühl?

Ich persönlich sehe leider keine wirkliche Chance für dich. Du kannst deine Meinung offen und ehrlich sagen und du kannst deinen Vater zum Reflektieren bringen (wobei er da ja nicht immer der beste ist) wie Cybele schrieb. Dein Bruder ist seinen Eltern aber leider gewissermaßen "ausgeliefert", bis die Pubertät kommt bzw er Volljährig ist — und selbst danach noch zum Teil beeinflusst, wie du bei dir siehst.

Gegen das Mobbing aber lässt sich etwas machen! Da sollten also schnell Handlungen folgen.
 
Dabei
23 Nov 2016
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#77
Ich habe tatsächlich auch zwei Bücher von Jesper Juul im Regal, die ich mit Begeisterung gelesen habe. Ich finde den Tipp von Cybele daher sehr gut!
 

Papatom

Moderator
Dabei
12 Sep 2012
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#78
Moin,

tja, das ist schwer. Wenn man bedenkt, wie kompliziert Dein Vater Dir gegenüber war (ist..). Da kann man nicht wirklich drauf hoffen, dass er das versteht.

Aber Dein Gedanke ist da völlig korrekt.

Furchtbar so was

Ich kriege nur mit, wie mein kleiner Bruder mindestens 20 mal am Tag hört dass er nervt und bei kleinsten Diskussionen, die er versucht zu führen, dann angeschrien wird.
Das macht Kinder klein. Sie fühlen sich wertlos und nicht akzeptiert. Wie soll er da eine Entwicklung zum glücklichen selbstbewußten Mann machen? Geht nicht. Er wird unsicher und traurig und frustriert sein. Kein Wunder. Man darf eben nicht vergessen...."unser" Erziehungsauftrag ist eben auch den Gegenpol zum Reiben und Entwickeln unserer Kinder zu geben. Sie müssen sich NATÜRLICH lösen und das fgeht nur über Abgrenzung. Das bedeutet, aushalten und ausgestalten einers konstruktiven Konflikts mit dem Kind, ohne es mit elterlicher Macht und Dominanz abzuschmettern ist genauso relevant wie das "Lieben".

Denn nur dadurch dass wir erkennen, dass dies ein eklatant wichtiger Entwicklungsabschnitt ist können wir damit auch richtig umgehen.

Das "Nerven" MUSS sein. Unser Job ist es dann, "richtig" damit umzugehen.

Das bedeutet ja nicht, sich Alles gefallen lassen. Aber Grenzen setzen sit nicht "Niedermachen"

Das darfst Du schon sagen.

Mit Dir entwickelt Dein Vater sich doch auch. Zudem musst Du Dir dann keine Gedanken machen "nichts gemacht zu haben"

Grüße
 
Dabei
27 Feb 2013
Beiträge
4.207
#79
Trau dich Idkat.

Sags ihnen genau so:
Ich kriege nur mit, wie mein kleiner Bruder mindestens 20 mal am Tag hört dass er nervt und bei kleinsten Diskussionen, die er versucht zu führen, dann angeschrien wird. Er wird meinem Gefühl nach überhaupt nicht ernst genommen.
Sie bemerken das nicht selber. Und das hat überhaupt nichts mit Kindererziehung zu tun oder dass du keine Mutter bist.

Du kannst ja einleitend sagen, dass du zwar keine Kinder hast und weißt, wie Eltern auf Ratschläge von Kinderlosen reagieren, aber du die Gefahr, dass sie wütend reagieren, auf dich nimmst und das sagen musst. Weil du es als deine Pflicht siehst. Wie du selber sagst, du bist nie dort - und nach so kurzer Zeit siehst du, was da falsch rennt. Sag ihnen, hört mal hin, was er euch zu sagen hat - er ist ein cleveres Kerlchen und ihr werdet überrascht sein, was er drauf hat.

Ich weiß, in welcher Zwickmühle du dich zu stecken fühlst. Bist du aber nicht. Du darfst sagen, was du spürst. Immerhin bringen es die Eltern ja selber zum Thema und es beschäftigt sie. Ist ja nicht so, als würden sie das nicht sehen wollen. Du kannst immer alles sagen, Idkat, du bist auch diplomatisch genug. Du hast eine liebe Art, etwas zu sagen. Du kannst ihnen ja sagen, du sagst es ihnen, weil du sie sehr liebst.

Sei mutig.
 
Dabei
6 Feb 2017
Beiträge
1.202
#80
Danke euch allen für Eure Antworten!

@Cybele und Badesalz:
Das mit dem Buch hat mir als Vorschlag tatsächlich ganz gut gefallen. So hören sie die Dinge dann auch nicht von mir, sondern von jemandem der "weiß wovon er redet" und sie haben beim Lesen die Zeit selbstständig zu reflektieren "Trifft das zu? Oder nicht?". Ich überlege mir, ob ich es ihnen vielleicht schicke, wenn ich weg bin, und einen Brief dazuschreibe, dass ich gemerkt habe wieviel Sorgen sie sich gemacht haben als ich da war und ich von verschiedenen Müttern gehört habe, dass dieser Autor/dieses Buch ihnen und ihren Kinder gut durch ähnliche Probleme geholfen hat und es ihnen ja vielleicht auch helfen oder Unterstützung geben könnte.. Also so würde ich es machen, falls ich es mache, ich möchte mich aber vorher selbst noch einmal mit der Pädagogik darin beschäftigen und mir einige Rezensionen dazu noch durchlesen.
Aber vielen Dank schonmal für die Idee!

@Insomnius
Wie ich es durch die Blume gesagt habe: Also wenn ich fand dass der Kleine zu Unrecht angeschrien wurde, hab ich sowas wie "Oha" im Hintergrund gesagt oder mich hinter ihn gestellt und meine Hände auf seine Schultern gelegt oder ihn in den Arm genommen, sodass ich mich zwar nicht direkt eingemischt habe, aber ich trotzdem auf seiner Seite war. In den privaten Gesprächen habe ich dann diese Dinge eben nochmal aufgegriffen (später, wenn es sich schon längst wieder gelegt hatte) und erwähnt dass ich das und das überhaupt nicht schlimm fand und dann haben wir darüber geredet. Und allgemein zu seiner Situation habe ich dann aber doch sehr durch die Blume geredet, indem ich von verschiedenen Freundinnen von mir erzählt habe, die jetzt Bulimie haben oder mit einem Sadisten zusammen sind oder sonst was und eben immer betont, dass ich denke, dass es an mangelndem Selbstbewusstsein und zu wenig Liebe aus dem Elternhaus liegt.

Meinen Vater muss ich jetzt allerdings mal in Schutz nehmen (man glaubt es kaum ;) ). Er ist eigentlich recht entspannt. Das mit dem "du nervst" und anschreien kommt eigentlich alles von seiner Mutter und bei meinem Vater habe ich eher das Gefühl, dass er dann mitzieht um sich später nicht anhören zu müssen, dass er nur chillt und sie dann immer die Doofe ist, die sich mit dem Kind streiten muss. Das Wort "Erziehungsauftrag", das dir nicht gefällt, kam auch aus ihrem Mund.

@Papatom und Peachy:
Ich habe den Mund bisher nicht gehalten, weil mir der Mut fehlt etwas zu sagen. Ich möchte mir nur sicher sein mit meinen Worten auch wirklich etwas positives zu erreichen und nicht ausversehen komplett kontraproduktiv zu handeln. So viele Tage habe ich hier ja auch nicht mehr. Ich weiß schon, dass ich immer alles sagen kann, aber das ist ähnlich mit dem Gefühle rauslassen. Kann man auch immer machen, wenn man möchte, aber in vielen Fällen hilft es nur einem selbst und überfordert das Gegenüber.

Wo ich dir aber Recht geben muss, Peachy, ist dass ich auch denke, dass sie es nicht merken oder zumindest nicht so streng sehen wie ich. Ich glaube überhaupt nicht, dass sie ihm schaden wollen oder wirklich genervt von ihm sind, ich denke nur, dass sie ihn zur Bescheidenheit und Zurückhaltung erziehen möchten, weil das Eigenschaften sind, die sie selbst in Menschen schätzen.. Glaube ich. Also das ist zumindest mein Eindruck.
Dadurch wird er aber eben verhältnismäßig wenig bestätigt.

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Ich hatte heute aber fast den gesamten Tag Zweisamkeit mit meinem Bruder und wir haben da auch viel geredet. Das hat mich schon wieder etwas beruhigt, weil ich mir vor allem darüber Sorgen gemacht hatte, dass er sich nicht wehrt. Aber heute konnte ich auf jeden Fall raushören, dass er es zumindest innerlich schafft sich etwas zu distanzieren und nicht alles persönlich zu nehmen. Trotzdem ist er für mein Empfinden noch zu sensibel in dem Sinne, dass er sich viel zu schnell schuldig fühlt.
Wenn ich für jedes Mal, dass ich heute "alles gut" oder "ist doch egal" gesagt habe einen Euro kriegen würde, wäre ich jetzt Richie Rich ;)

Vielen Dank nochmal an Euch alle! :)
Werde gerne nochmal Rückmelden, falls sich etwas entwickelt oder tut, aber so für sich haben mir Eure Antworten schon geholfen!
 
Dabei
27 Mrz 2012
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#81
Meinen Vater muss ich jetzt allerdings mal in Schutz nehmen
My bad.. ;)

Wenn ich für jedes Mal, dass ich heute "alles gut" oder "ist doch egal" gesagt habe einen Euro kriegen würde, wäre ich jetzt Richie Rich
:mrgreen: Sehr gut. Mit ihm selber zu reden ist super. Er merkt ja dann, dass er eine große Schwester hat, eine außer-elterliche Vertrauensperson. Das ist Gold wert. Dass er sich noch zu viel schuldig fühlt... na ja er ist auch noch ziemlich jung. Kommt noch.


Jetzt bezog sich fast alles auf die Eltern-Kind-Beziehung... was ist denn mit dem Mobbing? Dazu hast du noch nichts gesagt.
 
Dabei
6 Feb 2017
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#82
was ist denn mit dem Mobbing? Dazu hast du noch nichts gesagt.
Lehrer und Schulpsychologin sind da hinterher, dass sich das ändert. Durch die kam es auch überhaupt erst raus, weil mein kleiner Bruder wirklich absolut nichts davon zu Hause erzählt hat.
Gestern hat er es mir dann von sich aus erzählt. Hat mich gefragt, ob seine Eltern mir eigentlich von der Klassensituation erzählt hätten und ich meinte "ich glaube nicht, was ist denn da?".. Dann hat er es erzählt, erst ganz allgemein gehalten und dann mit der Zeit aber auch mehr. Er klang aber so rational dabei und hat es ganz nüchtern erzählt, was mich überrascht/irritiert hat.
Ich hab zB einmal gefragt "Warum glaubst du machen die sowas?" und er meinte "Keine Ahnung, also dass sie mich nicht mögen steht jedenfalls fest.", aber so als ob das eben so ist und einem ja nichts ausmachen muss.. Kann ich mir so schwer vorstellen, dass man das in dem Alter wirklich einfach so hinnehmen kann. Zumal mir, wenn ich er wäre, auch unklar wäre warum sie mich nicht mögen. Er ist nämlich echt nett, hilfsbereit und höflich und ich habe jetzt schon mehrmals mitbekommen, dass er Mitschülern mit Hausaufgaben geholfen hat. Und mir würde es schwer fallen mir selbst zu erklären, warum andere mich nicht mögen, wo ich doch niemandem etwas tue.
 
Dabei
23 Nov 2016
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#83
Liebe Idkat,

Mobbing hat ganz oft gar nichts mit der Persönlichkeit des Opfers zu tun, es gibt also keinen Grund im eigentlichen Sinne. Das ist so eine Eigendynamik, es wird ein Ventil gesucht, um Frust abzubauen. Irgendwann ist es ganz egal, wie sich das Opfer verhält, es kann gar nichts selbst an der Situation ändern. Es ist weder die Schuld des Opfers. Das solltest du deinem Bruder deutlich sagen.

Es ist gut, dass sich Lehrer und Schulpsychogin darum kümmern, denn die Gruppendynamik muss von außen durchbrochen werden. Indem sie Gespräche führen, die Klassenzusammensetzung ändern usw. Das ist ihre Aufgabe.

Mir ist noch etwas zur familiären Situation eingefallen:

Dein Vater und die Mutter wollen deinem Bruder ganz sicher nicht schaden. Sie tun das nicht aus bösem Willen.

Aber Herumschreien und ständiges Nörgeln ist ein ganz sicheres Zeichen von Überforderung. Sie haben - aus welchen Gründen auch immer - zu wenig Energie, weil sie offenbar selbst Probleme haben. Dann sollen Kinder "funktionieren" und möglichst wenig "Scherereien" machen. Das geht aber an den Bedürfnissen eines Kindes total vorbei.

Es könnte sein, dass der eigentliche Knackpunkt in der Paarbeziehung liegt.
 
Dabei
6 Feb 2017
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#85
Badesalz hat gesagt.:
Das ist so eine Eigendynamik, es wird ein Ventil gesucht, um Frust abzubauen.
Das denke ich zwar auch, aber ich denke trotzdem, dass man als Opfer auch nicht handlungsunfähig ist seine eigene Situation zu ändern. Ich glaube nicht, dass man da komplett auf die Täter angewiesen ist, dass die mal ihre eigenen Handlungen überdenken und wenn die das nicht tun, dann hat man halt Pech.
Denke so auch aus eigener Erfahrung....

Badesalz hat gesagt.:
Es könnte sein, dass der eigentliche Knackpunkt in der Paarbeziehung liegt.
Das kann sein - wäre dann aber glaube ich wirklich nicht meine Sache...
Und so schlimm ist das zwischen denen hier auch nicht. Eigentlich einfach nur ein ganz normales Ehepaar, das sich halt nicht mehr wirklich zu lieben scheint. Aber die gehen jetzt nicht schlecht miteinander um, sie streiten auch nicht richtig und alles funktioniert eigentlich (es gibt auch nette Gesten). Also ich würde sagen die Handlungen sind da, nur die Gefühle halt nicht.
Aber kann schon sein, dass eine unterschwellige Gesamtunzufriedenheit sich da auf den Umgang mit dem Kind auswirkt.
 

Papatom

Moderator
Dabei
12 Sep 2012
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#86
Moin,
also mal aus Elternsicht. Ich kenne den Fehler bei mir selber. Es hat eher mit verschiedenen schlichten Versäumnissen zu tun. Reflektieren, sein Verhalten gegenüber dem Kind ans Alter permanent anpassen. Wie sehe ich mein Kind eigentlich überhaupt?
Ein "Du nervst" ist ein klares Statement, wo man als Eltern das Kind sieht bezüglich "Wertigkeit" als Mensch. Nämlich weit unter einem. Warum das so ist kann mehrere Gründe haben. Man sieht Kinder generell so. Weil man es nicht anders kennt und nie hinterfragt hat. Weil man schlicht verpasst hat, sein Verhalten anzupassen. Ein 3 Jähriger ist ander zu behandeln als ein 11 Jähriger als ein 17 Jähriger.

Bei einem Kleinkind gehen Dinge eben noch, die ein 15 Jähriger nicht mehr hinnimmt. Oft versuchen wir dann unser Verhalten zu intensivieren, anstatt zu hinterfragen und anzupassen.

Mir scheint, Deine Eltern machen sich svielleicht chlicht über so was keine Gedanken und deshalbt ist das "noch" so (hoffentlich)?

Grüße
 
Dabei
6 Feb 2017
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#87
Hmm.. Denke da gibt es auch verschiedene Ansätze. Mein Stiefvater hat zB immer vertreten, dass er seine Tochter immer wie eine Erwachsene behandelt hat in dem Sinne, dass immer versucht wurde Kompromisse zu finden. Sie durfte zB ins Bett gehen wann sie wollte, solange sie am nächsten Morgen auch gut aufgestanden ist.

Meine Mutter empfand das als kompletten Schwachsinn, sie war ein Fan von klaren Regeln und Kontrolle. Als ich dann mit den beiden zu dritt wohnen durfte war das recht abenteuerlich, weil zwei komplett unterschiedliche Methoden aufeinanderprallten. Wenn man es mit Führungsstilen vergleicht, dann waren das wohl der Autoritäre Führungsstil gegen den Laissez-faire.
In der Uni habe ich gelernt, dass der situationsbedingte Führungsstil der beste ist ;)

Ich finde ja okay, dass Eltern Fehler machen, aber manche kommen mir echt sinnlos vor. ZB die scheinbare Auffassung, dass ein Kind nur an der Lautstärke der Stimme erkennen kann, wie ernst eine Sache gerade ist. Ich bin zwar "nur" die Schwester, aber ich musste noch nicht einmal lauter werden. Auch als er mir beim Kochen mit heißem Öl zwischen den Beinen rumgerannt ist um irgendwas zu suchen, hat ein "Hast du ein Ziel?" von mir gereicht, damit er stehenbleibt und erstmal nachdenkt und dann gezielt sagt wo er ranmöchte. Ich musste nicht "Du störst, hier ist es heiß, denk doch mal mit!" rufen oder sowas.
Ich hör hier halt echt oft zB "Lass das" , "Warum?" , "Weil ich es sage!".. und denk mir immer so "hm, eher ungut kommuniziert."
Aber naja, von außen kann man ja immer sagen man wär da selbst ganz anders ;)
 

Papatom

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Dabei
12 Sep 2012
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#90
Nö, wegen "Kontrolle & Regeln" in einem Zusammenhang. Das beinhaltet dann dominantes Niederschreien....

Grüße
 
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