Wir gingen fünf Jahre auf die selbe Schule ohne dass ich dich je bemerkte. Ich sah dich, ohne dich zu sehen. Hätte man mir ein Photo von dir gezeigt, hätte ich nicht gewusst, dass ich dich schon oft gesehen hatte. Dann lernte ich deinen besten Freund kennen, eine flüchtige Bekanntschaft. Eines Tages standest du neben ihm. Aus Höflichkeit begrüßte ich nicht nur deinen besten Freund, sondern euch beide. So fing es an. Small Talk in der Schule. Chatten am Nachmittag.
Dann trafen wir uns außerhalb der Schule. Es war nicht spektakulär, umwerfend, großartig, wunderbar oder was es sonst noch für superlativartige Adjektive gibt, aber es war auch nicht schlecht. Also trafen wir uns wieder und wieder. Ich fühlte mich nicht zu dir hingezogen, aber du warst nett, sehr sogar. Ich mochte dich. Es war einfach mit dir. Ich verhielt mich so wie ich war und es funktionierte - ein halbes Jahr lang.
Auf einmal veränderte sich unsere Freundschaft. Auf einmal war da Anziehung. Wahrscheinlich veränderte sie sich nicht plötzlich, aber ich realisierte es plötzlich. Eigentlich waren da einige Zeichen, aber es kam mir nie in den Sinn, dass sich etwas Nichtplatonisches zwischen uns entwickelte. Ich hätte mich wundern sollen, warum du deinen Fuß direkt an meinen platziertest; warum du deinen Kopf auf meine Schulter legtest; warum ich dich immer öfter umarmen wollte; warum ich mich immer besser fühlte, wenn ich bei dir war. Nur ein paar Beispiele. Ich nehme an, dass da noch viel mehr waren, aber ich habe sie einfach nicht wahrgenommen.
Ich realisierte es mit einem Schlag. Ich war verwirrt. Gegen meine Gefühle kämpfend, verstand ich mich selbst nicht. Ich habe immer noch keine Ahnung, woher es kam und warum. Es war einfach da. Es fragte nicht um Erlaubnis. Und seitdem will es nicht wieder verschwinden, noch nicht mal schwächer werden.
Es war hart sich gegen die Anziehung zu wehren. Sehr bald versagten wir. Es war als ob ich keine Kontrolle mehr über meinen Körper hatte. Eine Woche lang lebten wir in unserer eigenen Welt. Wir schloßen die Augen vor der Welt um uns herum. Wir dachten nicht nach. Wir küssten uns und hielten uns in den Armen. Wir versteckten uns in den Armen des anderen. Wir verhielten uns wie ein Liebespaar, das wir nie sein konnten. Wir wussten, dass wir einen Sturm heraufbeschwörten, aber wir wollten nicht hingucken.
Die Realität holte uns ein. Wir wurden gezwungen die Augen zu öffnen und zu realisieren, dass unsere Welt nicht in die um uns herum passte.Du hattest eine Freundin, die obendrein meine beste Freundin war. Wir trennten uns – soweit ich das so sagen kann, waren wir doch nie zusammen, aber es fühlte sich zumindest für mich so an.
Ich war am Boden zerstört. Ich hatte mich nie schlimmer gefühlt. Einerseits realisierte ich, dass mein Verhalten nicht unmoralischer hätte sein können, andererseits vermisste ich dich. Ich fühlte mich schlecht, weil ich kein schlechtes Gewissen hatte wegen dem, was wir getan hatten. Ich konnte mit dieser Lüge nicht weiterleben. Ich konnte ihr schon lange nicht mehr in die Augen schauen.
Ich machte reinen Tisch. Viel Ärger, Stress. Nach zwei Wochen beruhigte sich die Situation langsam, auch wenn es nicht so war, wie zu vor. Es wird nie wieder so sein. Wir einigten uns darauf, Freunde zu sein, trafen uns wieder – und scheiterten. Ich spürte, dass du es eigentlich nicht wolltest, aber trotzdem es irgendwie nicht lassen konntest. Nach dieser Verabredung redeten wir über zwei Monate nicht miteinander. In der Zeit hatte ich Liebeskummer. Ich fühlte mich schrecklich, mein Immunsystem war am Boden, ich wurde krank und sogar ein wenig depressiv. Gleichzeitig beruhigte sich die ganze Situation immer mehr – bis auf meine Gefühle.
Nach den Ferien fingen wir an, wieder Kontakt zu haben. Lächeln. Hallo sagen in der Schule. Chatten. Dann trafen wir uns. Es funktionierte wieder. Es war wieder einfach. Wir taten nichts Unplatonisches, aber ich konnte immer noch die Anziehung spüren. Du gucktest mich nicht an wie sich Freunde angucken. Du gucktest mich immer noch an wie ein Mann eine Frau anguckt. Beim nächsten Treffen dauerte es nicht lange, bis wir uns wieder in den Armen lagen und unsere Hände hielten, schon wieder.
Wo führt das hin?


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