Ich (33) bin mit meinem Freund jetzt seit etwa 14 Monaten zusammen, und wir wurden beide ein Jahr zuvor ziemlich böse von unseren Ex-Partnern abgeschossen, wobei seine ehemalige Beziehung, soweit ich das mitbekommen habe, insgesamt ziemlich schlimm gewesen sein muss. Er war mit ihr sieben Jahre zusammen, und sie hat per SMS schlussgemacht. Sie hat ihn nahezu die gesamte Zeit über mies behandelt und tiefe Narben hinterlassen, so gesehen ist er auch froh, dass sie weg ist.
Zu diesen Narben zähle ich:
- Eifersucht. Sie hat ihm offenbar häufig und detailreich von Exfreunden berichtet, von Bettgeschichten bis Betrügereien ihrerseits. Für ihn hat sich das immer nach Angeberei angehört. Jedenfalls hat sie ihm eine Angst vor Betrug angezüchtet, die seinesgleichen sucht.
- Selbstzweifel. Er war/ist Freiberufler, und ihr war das immer ein Dorn im Auge, da sie großen Wert auf sozialen Status gelegt hat, und man "so einen" ja nicht herzeigen kann. Sie hat seinen Job einfach nicht ernstgenommen und ihm das auch unverblümt mitgeteilt.
- Generelle Angst, z.B. vor betrunkenen Frauen. Das muss ich näher erklären. Sie hat offenbar eine Phase gehabt, in der sie ziemlich heftig gesoffen hat. Also richtig schlimm. In dem Zustand war sie dann meistens (immer?) ungut bis brutal, hat ihn gekratzt, beschimpft, Wasserflaschen nach ihm geworfen, Wasser über seinen PC geleert etc. Das ging über Jahre so.
Die Prägung durch seine Exfreundin sitzt tief. Wir haben uns in den letzten 14 Monaten 4-5 Mal deswegen gestritten, 1-2 Mal auch heftiger, der Rest war erträglich, aber unangenehm. So unangenehm, dass ich mich teilweise nicht traue, ihm etwas zu erzählen, weil ich die Reaktion fürchte. Dadurch fühle ich mich eingeengt. Ich kann z.B. nicht von diesem oder jenem Urlaub sprechen, den ich mit einem Exfreund verbracht habe, weil ich fürchte, dass deswegen seine anerzogene Eifersucht durchbricht.
Im Sommer habe ich deswegen schlussgemacht. Wir sind kurz darauf aber wieder zusammengekommen, weil er das Problem erkannt hat und gemeint hat, er würde an sich arbeiten. Das hat er auch, und ich muss dazu sagen, dass er die letzten 14 Monate auch zu 99% fürsorglich, aufmerksam, verständnisvoll und einsichtig war. Er hat mir immer wieder ungezwungen kleine und große Geschenke gemacht, mich nach stressigen Tagen mit Massagen überrascht (das kann er wirklich gut), und der Sex ist phänomenal (und das ziemlich oft und ausdauernd). Er sagt mir oft, wie sehr er mich liebt, und handelt auch danach. Er macht mir tolle Komplimente, findet mich wunderschön und wir können kaum die Finger voneinander lassen. Andere Frauen interessieren ihn nicht im Geringsten. Ich glaube, eine Horde nackter Models könnte an uns vorbeirennen, er würde sie nicht beachten. Er teilt meine Liebe zu Katzen, wir haben die gleichen Vorstellungen vom Leben, von Moral, von Anstand etc. Wir waren außerdem zusammen in der Schule, wollten damals schon was voneinander, waren aber immer irgendwie zu blöd, es auch zu merken. Das bedeutet aber, dass wir geistig auch auf dem gleichen Niveau sind, wir haben auch den gleichen Humor und gemeinsame Interessen. Er kann anschmiegsam sein, aber auch auf den Tisch hauen, wenn er glaubt, ich werde falsch behandelt (z.B. von meiner Versicherung, lange Geschichte).
Andere Probleme haben wir eigentlich keine. Wir lachen viel, sehen uns oft, und haben Spaß.
Ich merkte aber, dass sich die Veränderung nicht genug zeigte. Letzte Woche meinte er (ohne, dass ich ihn darauf angesprochen hätte), dass er derselben Meinung war, und hat mir daraufhin erklärt, dass er sich professionelle Hilfe in Form einer Therapie holen will, um Nägel mit Köpfen zu machen. Er wolle wieder zu sich finden und die Prägung durch seine Exfreundin loswerden, weil all diese miesen Eigenschaften eigentlich nicht zu seinem Charakter gehören.
Er ist zuversichtlich, dass das klappen wird, er gibt seine Probleme offen zu und unternimmt was dagegen, sich und uns zuliebe.
Soll ich ihm diese letzte Chance geben und abwarten?
Warum redest du von letzte Chance, wenn ihr euch doch offensichtlich liebt? So wie du das hier schilderst, sehe ich nicht einmal einen Trennungsgrund, sondern lediglich Probleme einer jeden Beziehung, an denen man arbeiten kann.
Es geht mir einfach darum, dass ich mich emotional eingeengt fühle durch seine Altlasten. Als müsste ich ihn immer mit Samthandschuhen anfassen. Er hat auch im Sommer schon versprochen, sich zu bessern, hat er teilweise auch, aber das Gefühl bleibt. Er meint zwar, ich soll ruhig von Urlauben und dergleichen erzählen, aber ich trau mich aufgrund vergangener Streitereien einfach nicht. Und wieso sollte sich jetzt etwas ändern? Therapie ist auch nicht immer wirksam. Er meint zwar, er würde nicht aufgeben, bis er es geschafft hat, aber das habe ich schonmal gehört.
Sicher ist es ein Problem, wenn du es für besser hältst, gewisse Dinge vor ihm zu verschweigen. Allerdings ist das nicht nur sein Problem alleine. Wenn du ihm nicht das Vertrauen entgegen bringst, dass er sich diesbezüglich ändern kann, musst auch du deine Einstellung dazu überdenken. Ich halte nämlich nichts davon, dass du ihn in Watte hüllst und vor allem, was ihn verletzten könnte in Schutz nimmst. Du musst doch wenigstens versuchen eine ganz normale Beziehung zu führen und dich nicht von seinen Komplexen einengen zu lassen. Nur so wird er doch auch erkennen, wann er sich zusammenzureißen hat.
Du willst doch offensichtlich, dass es mit euch 2en funktioniert, also musst du auch zusehen, dass du ihm das Vertrauen entgegenbringst, dass du auch von ihm in gleicher Form erwartest.
Ich bin einfach konfrontationsscheu. Das konnte ich nie besonders gut. Also mich zu etwas schwierigem überwinden, wenn ich die Folgen fürchte. Gespräche und so. Er hat zwar immer gemeint, ich solle mich ruhig trauen und mich "überraschen lassen" (nicht in der Sekunde und auf Kommando, sondern generell), aber ich konnte einfach nicht. Da war dann immer so ein mulmiges "was wäre, wenn"-Gefühl im Bauch. Was wäre, wenn er doch nicht mit dieser und jener Geschichte klarkommt? Streit? Er will auch gar nicht in Watte gehüllt werden. Das mache ich instinktiv. Aus Selbstschutz. Er erkennt seine Probleme ja auch an und unternimmt etwas dagegen, mit professioneller Hilfe. Er ist auch überzeugt davon, dass er es schaffen wird, zu sich zurück zu finden, weil er meint, die Ursachen eben relativ genau zu kennen und diese eliminieren zu können, also die Konditionierung durch seine Ex. Aber das Gefühl im Bauch geht nicht weg.