Sie
Sie saß ganz alleine im Café und wartete. Jetzt schon fast eine Stunde. Und worauf?
Das wusste sie selbst nicht so genau. Schließlich wusste sie, dass er nicht
kommen würde. Trotzdem wartete sie. Sie bestellte sich noch einen dritten Kaffee. Der Kellner lächelte sie bei jeder Bestellung hoffnungsvoll an. Sie ignorierte ihn. Sie rechnete sich aus, wie lange es noch dauern würde bis er sie auf einen Drink einladen oder nach ihrer Telefonnummer fragen würde. Mit Sicherheit nicht mehr lange. Vielleicht wenn er den Kaffee brachte. Es war immer so.
Sie zündete sich eine Zigarette an. Langsam und genüsslich zog sie an ihr. Sie hatte das Rauchen aufgeben wollen, vor Jahren schon. Sie hatte es nicht geschafft. Sie war nicht konsequent genug. Aber es war ihr egal. Starb sie eben ein paar Jahre früher als andere. Sterben, dachte sie, müssen wir schließlich alle.
Der Kellner brachte den Kaffee. Er fragte, ob sie noch einen Wunsch hätte. Sie verneinte. Sie drückte die Zigarette aus, nippte an ihrem Kaffee und beobachtete die Leute um sie herum. Zwei Mädchen, vielleicht 16, unterhielten sich leise an ihrem Tisch und warfen einem jungen Mann ganz in der Nähe flüchtige Blicke zu. Ab und zu kicherten sie leise.
An einem anderen Tisch saß ein älteres Ehepaar. Er trank einen Rotwein, sie einen Milchkaffee. Beide waren in Gedanken versunken und redeten kaum.
Am Tisch direkt neben ihr saß ein junges Paar. Sie hielten sich an den Händen und flüsterten sich schüchterne Liebesbotschaften zu.
Es rührte sie die beiden zu sehen. Und ihre Gedanken glitten wieder zu ihm. Er hatte gesagt, er würde nicht kommen und sie bräuchte gar nicht auf ihn warten. Doch sie hoffte immer noch. Auch jetzt noch, nach einer Stunde. Die Hoffnung stirbt schließlich
zuletzt, pflegte sie immer zu sagen.
Die beiden neben ihr hatten gerade bezahlt und standen jetzt auf.
Sie ergriff die Gelegenheit und rief den Kellner zu sich. Sie zahlte und bevor er
noch ein Wort sagen konnte stand sie auf und verließ das Café.


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