"Also, wenn Sie so weitermachen, fliegen Sie in hohem Bogen vom Theater!" Riemers Stimme klang hart und unversöhnlich. Jochen Rehfuß, jüngster Schauspieler der Truppe, knickte in sich zusammen. Wieder einmal hatte er versagt, alle Erwartungen der Regie enttäuscht. Erst vor einigen Wochen hatte man ihn engagiert, als jungen Liebhaber, auf Betreiben der Chefin des Hauses, Sibylle Gräfin von Schönstein, einer betagten Dame, die anscheinend an dem jungen Mimen einen Narren gefressen hatte. Schon beim Probesprechen hatte sich gezeigt, dass niemand außer ihr sonderliches Interesse an dem jungen Mann haben würde, zu ekstatisch und gleichförmig war seine Diktion. Auch in seinen Bewegungen schien er gehemmt, keine Geste stimmte zum Wort. Der Regisseur machte ein Gesicht, als müsse er Regenwürmer schlucken. Er wand sich in Verlegenheit, denn für sein Stück brauchte er einen jungen Liebhaber, die Rolle war nämlich noch unbesetzt. Der Reichtum der Gräfin bildete indessen das einzige Fundament des ehrgeizigen Theaters in der kleinen Residenz. Auf die Neigungen der Gräfin musste man daher Rücksicht nehmen. Und die Gräfin hatte nunmal feuchte Augen bekommen. Und da gab es dann auch kein Zögern mehr. Der junge Rehfuß wurde engagiert. In den Proben hatte man anschließend das Malheur. Wie ein Elefantenbaby spielte er die Liebesszenen. "Ein bisschen mehr Spontaneität hat die gute Luise schon verdient! Sie stehen so steif herum, dass ich am liebsten als Elefantenbulle mit dem Rüssel auf Sie einschlagen würde. Jetzt gehen Sie doch einmal auf das Mädchen zu und fassen Sie mit Ihren beiden Händen an diesen weiblichen Oberkörper. So übel sieht doch unsere Cornelia gar nicht aus. Mensch, haben Sie denn kein Blut im Leib." Markus Riemer, der Regisseur, war in Fahrt geraten. Jochen stand da wie versteinert. Mit aschfahlem Gesicht blickte er auf Riemer. Schließlich näherte er sich seiner Partnerin, streckte ihr die Hände entgegen, doch diese zitterten, die Finger waren wie bröckelndes Eis. "Ich kann nicht", drang es aus ihm heraus. Einige Tage später wurde die Chefin des Unternehmens informiert. "Verehrte Gräfin, der Rehfuß ist ein Hasenfuß. Nie und nimmer wird aus ihm ein jugendlicher Liebhaber." Sibylle Gräfin von Schönstein saß in ihrem Rollstuhl, ihre hellblond gefärbten Haare ringelten sich um ihr faltenreiches, gepudertes Gesicht, das trotz seines Alters den edlen Schnitt einer klassischen griechischen Schönheit bewahrt hatte. "Iphigenie" hatte man sie einst in dem Mädcheninternat genannt, wo sie erzogen wurde, in straffer Disziplin, nach den herrschenden Grundsätzen des preußischen Adels. Wegen dieses Gesichts durfte sie bei Schüleraufführungen immer antike Heldinnen spielen, und sie war der Liebling von Gymnasialprofessor Dr. Oberlin, ihres Deutschlehrers und Leiters der Theatergruppe. Ihm und niemand anderem verdankte sie ihre Passion für das Theaterspielen. Als ihr dann nach dynastischer Erbfolgeregelung die Herrschaft über die Residenz zugesprochen wurde, galt ihr erster Gedanke der Einrichtung einer Theaterbühne, an der nun Riemer Regie führte. Nach Riemers Worten hatte sie einige Zeit in nachdenklichem Schweigen verharrt. "Führen Sie ihn zu mir," gebot sie plötzlich. Jochen Rehfuß erschien vor ihr, ein Jüngling von 18 Jahren, schlank von Gestalt, mit zart geschnittenem, empfindsamem Gesicht, bei dem man nicht sofort sagen konnte, ob man einen Jüngling oder ein Mädchen vor sich hatte. Schier etwas zu üppig wallte sein brünettes Haar um Ohren und Wangen. Durch ihre Lorgnette betrachtete die Gräfin den jungen Mann. Ihr geübter Blick identifizierte unter dem geschmeidigen Tuch von Jeans und T-Shirt mühelos den perfekten Körper. Sieh da, dachte sie, ein hellenischer Adonis, ich hab es doch gleich gewusst. Und sie lächelte fein in sich hinein. "Na, junger Mann. Sie scheinen nicht zu können auf der Bühne." Jochen schwieg. Doch waren seine Wangen von zarter Röte übergossen. "Kommen Sie zu mir, ich zeig Ihnen, wie man das macht," sagte die Gräfin. Jochen ging ein paar Schritte auf den Rollstuhl zu, in dem die Gräfin saß, erwartungsvoll, leicht vorgebeugt. Dann, etwa einen Meter vor ihr, blieb er stehen, als hindere ihn eine gläserne Wand daran, weiterzugehen. "Ich kann nicht. Es geht nicht", stammelte er. Die Gräfin versank in Nachdenken. Lange ruhte ihr gütiger Blick auf Jochens großen fragenden Augen, in denen sich Verlegenheit und Angst abwechselten. "Warum geht es nicht?", fragte sie und sah ihn eindringlich an. Und nun geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte, weder die Gräfin noch alle andern Personen, die hier mit Jochen zu tun hatten. Als würden ganz leichte, stechende Stromstöße durch seinen Körper jagen, begann er zu zittern, zu beben, zu vibrieren, zu frösteln, wie bei hohem Fieber. Seine Augen wurden glasig und den zuckenden Lippen entrang sich nur das eine Wort "Mutter". Dabei stöhnte er leise auf. Sibylle griff in die Räder ihres Rollstuhls und fuhr direkt an Jochen heran, fasste den jungen Mann, aus dem beinah alles Bewusstsein gewichen war und der sich nur mit anerzogener Steifheit aufrecht halten konnte, an den Schultern und zog ihn zu sich heran. Danach setzte sie ihm ihre Lippen, ihre geübten Lippen, auf die Stirn und streichelte ihm mit ihrer rechten Hand übers Haar, das unter dieser Berührung knisterte, als wollte es Funken versprühen. In Jochens Augen sammelten sich Tränen. "Ist schon gut, mein Junge," sagte Sibylle. "Und, das merk dir, du wirst Schauspieler. Du bleibst bei uns im Theater, so wahr ich hier sitze und dich in Händen halte." Von diesem Tage an wohnte die Gräfin den Theaterproben stets persönlich bei. Der Regisseur schwitzte bei jedem Auftritt Jochens, wie auf einer Goldwaage musste er jedes kritische Wort abwägen, denn er spürte der Gräfin bohrende Blicke im Nacken. Jochens Spielen wurde dabei nicht besser, er war gehemmt, und zwar immer dann, wenn sich Cornelia, die junge, hübsche, adrette Cornelia, ihm näherte, auf weniger als einen Meter. Verzweifelt brach dann Riemer die Probe ab, ließ sich einen Kaffee geben, trank ihn mit hastigen Schlucken und ließ darauf, nach der kritischen Szene, einfach weiterspielen. In allen freien Stunden - und Sibylles Leben bestand, genau genommen, eigentlich nur aus freien Stunden - beschäftigte sich die Gräfin in Gedanken mit Jochen. Wer war dieser junge Mann und welches Schicksal verbarg sich hinter diesem schönen Gesicht, diesen fragenden Augen, dieser leisen, verborgenen Trauer? In ihrer lebhaften Phantasie begann sie, sich allerlei Szenen auszumalen. Sie sah sich selbst als junges Mädchen, wie sie im seidenen Ballkleidchen als Vierzehnjährige unter Anleitung eines französischen Ballettmeisters französische Modetänze erlernte. Der junge Mann, der sie in Armen hielt, hatte das Gesicht Jochens. Sie erinnerte sich jener heimlichen Erlebnisse, als sie im abgelegenen und halb verfallenen Wehrturm des Schlosses, der sich drohend über dem Verlies erhob, von einem Fähnrich der Schlossgarde geküsst wurde. Auch dieser Fähnrich bekam plötzlich Jochens Gesicht. Wie in einer betäubenden und atemberaubenden Revue fuhr sie durch alle Stationen ihres bewegten Liebeslebens, durch die vielen Abenteuer der Hofbälle, der Vergnügungsreisen, der offiziellen und inoffiziellen Rendez-vous', und immer erschienen ihr die Männer in Jochens Gestalt. "Alte Närrin", konnte sie nur zu sich sagen, wenn sie aus diesen betäubenden Träumen erwachte, kannst du denn an nichts anderes mehr denken? Und manchmal stieg, wie ein schwarzes Leichentuch, die Erinnerung an jenen unglückseligen Autounfall in ihr hoch. An jene jene Linkskurve, aus der ihr Cabriolet wegen zu hoher Geschwindigkeit hinausgetragen und in ein Bachbett geschleudert wurde. Seither war sie an den Rollstuhl gefesselt. Bitter schmeckte diese Erinnerung. Seit jenem Tage musste sie auf alle amourösen Abenteuer verzichten, obwohl ihre Seele lüstern danach verlangte. Bei einer Probe - der Aufführungstermin rückte nun schon bedrohlich näher - fiel Jochen in Ohnmacht. Wieder hatte er eine wahre Philippika von Kritik über sich ergehen lassen müssen, der Regisseur war rot vor Zorn und wieder einmal einer völligen Verzweiflung nahe. In der Liebesszene, kurz vor dem gemeinsamen Selbstmord, hätte Jochen seine Partnerin Cornelia umarmen und innig küssen sollen. Mit den Händen ruderte er durch die Luft, sein Gesicht war blass und fahl, die Lippen zuckten und seine Stimme japste. Er fiel hinterrücks auf den harten Bretterboden der Residenzbühne und war minutenlang nicht ansprechbar, aller Besinnung beraubt. Unverzüglich musste ein Arzt gerufen werden, nur langsam fand Jochen ins Leben zurück. Seltsam aber - alle Umstehenden waren darüber erschüttert - waren die wenigen Worte, die aus seinen Lippen quollen, die er, bei bebender Brust, keuchend und schnaubend, hervorstieß. "Mutter - Mutter -lass meine Hände - du tust mir weh! " Wie er dann, nach einigen Minuten, mit tränennasser Stirn seine Augen wieder aufschlug, schien er wie aus einer fernen Welt entrückt. An nichts konnte er sich mehr erinnern, weder an einen bösen Traum, noch an sonst irgendeine vergangene Erinnerung. Leer war sein Geist, als sei alles, was ihn zuvor so heftig erregt und beschäftigt hatte, wie durch ein grobes Sieb gefallen. Von ihrem Rollstuhl aus hatte Sibylle, die grundsätzlich allen Proben beiwohnte, den ganzen Vorgang beobachtet. Bis ins Innerste war sie gerührt und getroffen. Welch ein böser Dämon wütete in der Seele dieses Jünglings? Immer wieder wandte sie diese Frage hin und her, suchte im reichen Erfahrungsschatz der alten, weisen Frau nach vergleichbaren Fällen, kam aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. Und eigensinnig, wie sie als alte verliebte Frau nun einmal war, setzte sie sich um so bestimmter in den Kopf, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. "Die Aufführung findet statt, mit Jochen in der Rolle des Ferdinand!" Schneidend wie blanker Stahl drang ihre Stimme durch die Luft über der Theaterbühne, in der unter den Strahlen der Scheinwerfer Myriaden von kleinen Staubteilchen umherwirbelten. Regisseur Riemer sank in sich zusammen. In Gedanken bestellte er schon die Bretter zu seinem Sarg. Denn er sah voraus, wie er von einer der schlimmsten Katastrophen überrollt werden würde, die er in seinem ganzen Theaterleben je erlebt hatte. Ein Psychiater wurde zu Rate gezogen, kundig verschiedener neuzeitlicher Heilverfahren, der sich auch als Hypnotiseur einen weit bekannten Namen gemacht hatte. Die Gräfin hielt sich hinter einem Vorhang versteckt, als die Behandlung stattfand. Jochen war auf eine Couch gebettet, hilflos wie ein Kind blickte er dem Seelenarzt in die Augen. Dieser bewegte dicht vor ihm sein kleines Stäbchen hin und her und sprach dabei beruhigende Worte. Als Jochen in den Zustand der Trance versetzt worden war, begann das Verhör. "Schau, da ist deine Mutter. Fühlst du, wie sie an deinem Bettchen steht? - Ja, ich fühle es. - Du streckst ihr deine Händchen entgegen. - Ja, ich hebe - ich will - ich - nein - nein - nein, bitte nicht..." Jochens Kopf machte schnelle ruckartige Bewegungen hin und her, schnellte von einer Seite zur andern, Bäche von Schweiß rannen ihm über Stirn und Wangen. Seine Brust hob und senkte sich und beide Hände waren zu Fäusten geballt und schienen in der Luft gegen einen unsichtbaren Gegner zu schlagen. Es hatte keinen Zweck. Der Psychiater musste die Sitzung abbrechen. Mit geübter Handbewegung und einem kurzen sachlichen Befehl holte er Jochen wieder ins Bewusstsein zurück. Dessen nasser Kopf fiel ermattet auf die Couch zurück. Langsam schlug er die Augen auf und blickte verwundert um sich. Als Sibylle den Arzt zum Rapport bat, konnte sie von ihm nur eine lakonische Auskunft erhalten. "Verehrte Frau Gräfin, wir stehen vor einem Rätsel. Soviel ist sicher, seine Mutter hat ein Trauma ausgelöst. Als ganz kleines Kind muss er schreckliche Dinge erlebt haben, die ihn nun davon abhalten, sich irgendeinem weiblichen Wesen zärtlich zu nähern. Da ist eine Blockade. Wir wissen aber nichts Genaues." Nun waren es gerade noch vierzehn Tage bis zur Aufführung. Man hatte sich darauf geeinigt, die Liebesszenen so unterkühlt wie möglich zu spielen. Man wollte diesen Mangel als moderne Interpretation verkaufen, das Publikum wollte man glauben machen, es sei einmal an der Zeit, einen altbekannten, verstaubten Klassiker gegen den Strich zu bürsten. Man wolle daher die Personen wie gefühlsarme Marionetten agieren lassen, um das Moralisch-Mechanistische, wie Schiller es beabsichtigt habe, deutlich aufscheinen zu lassen. Riemer hatte wirklich akrobatische Winkelzüge von dramaturgischer Argumentationsleistung vollbracht. Die Ankündigung mit seinem einleitenden Aufsatz war das Produkt langer durchwachter Nächte. Da geschah plötzlich etwas ganz Unerwartetes, was den Dingen eine ganz andere Wendung geben sollte. Es kam die Nachricht vom Unfalltod von Jochens Mutter. Auf tragische Weise war sie mit ihrem Liebhaber - verheiratet war sie nie - in ihrem Auto grässlich verbrannt. Überhöhte Geschwindigkeit war wohl die Ursache, der Wagen kam von der Straße ab, schnellte über eine Böschung, überschlug sich mehrmals, prallte gegen einen mannshohen Felsen und explodierte. An eine Rettung war nicht zu denken. Jochen nahm die Nachricht gelassen und ruhig auf. Auf seltsame Art, fast teilnahmslos, sah er vor sich hin, blickte durch die anwesenden Menschen hindurch, als würde er seine Blicke irgendeinem Geist nachsenden. Kurz danach - es war immer noch vor der Aufführung - kam vom Notar ein Päckchen mit einigen persönlichen Hinterlassenschaften von Jochens Mutter. Darunter befand sich ein Brief: 'An meinen Sohn.' "Lieber Junge, schwer hab ich mich an dir versündigt. Du kannst es nicht wissen. Ich war junge Studentin an der Schauspielschule in München, ein aufstrebendes Talent, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Man prophezeiten mir eine steile Karriere. Da kamst du. Die Schwangerschaft war ungewollt. Zum Abbruch hatte ich weder Mut, noch Kraft, noch Geld. Meine Eltern verstießen mich und halfen mir in keiner Weise. Ich musste dich zur Welt bringen, groß ziehen, Geld verdienen und - das war das Schlimmste für mich - meine Karriere als Schauspielerin aufgeben, mein Studium abbrechen. Noch seh ich dich, wie du mir als Kleinkind deine Kinderhändchen entgegen strecktest. Du wolltest mich umarmen, verlangtest nach der Zärtlichkeit deiner Mutter. Ich war so von Hass gegen dich erfüllt, dass ich dir mit heißem Wasser die Finger verbrühte. Ich wollte dir alle Zudringlichkeit abgewöhnen. Noch höre ich dein Geschrei, noch seh ich deine verzweifelten, aufgerissenen Kinderaugen. Es war ein Wunder und nur der Hilfe der Nachbarn zu verdanken, dass du am Leben bliebst. Später bin ich, wie du weißt, Grundschullehrerin geworden, habe mich auch mit deiner Existenz abgefunden. Aber dich zu lieben, wie eine Mutter sonst ihr Kind liebt, habe ich nie vermocht. Das ist eine große Schuld, die ich nie und nimmer abtragen kann. Aber du sollst wissen, dass ich sie aus tiefstem Herzen bereue. Und wenn du kannst, versuche, mir zu vergeben. Das ist die letzte Bitte einer Mutter, die dich nicht gewollt hat." Bei der Premiere erlebten alle, die zuvor bei den Proben zugegen waren, eine der größten Überraschungen ihres Lebens. Jochen Rehfuß, Ferdinand-Darsteller von Gräfin Sibylles Gnaden, spielte den jungen Liebhaber mit einer solchen Echtheit und sinnlichen Ausstrahlung, dass alle nur vor Neid erblassen konnten und den bislang gehemmten jungen Mimen nicht mehr wiedererkannten. Als Luise stand ihm, wie vorgesehen, Cornelia gegenüber. Er sah ihr in die Augen, ergriff mit Ausdruck und Anmut ihre Hände, führte sie an die Lippen, benetzte sie mit Küssen, umschlang ihren Oberkörper auf so natürliche und unanstößige Weise, dass alle weiblichen Zuschauer vor Rührung dahinschmolzen, schmiegte dann sein Gesicht an ihre Wangen und setzte - und dies war die Krönung seiner totalen Verhaltensänderung - seine Lippen auf ihren Mund, zu einem langen, sehr langen und tiefen Kusse, der wie der Ausdruck restloser Vereinigung zweier Wesen erscheinen musste. Regisseur Riemer folgte der Darbietung mit verklärtem Blick. Wenn man ihn gefragt hätte, ob Wunder in unserer nüchternen Zeit noch möglich seien, er hätte in diesem Moment mit "ja" geantwortet. Aber, was in Jochens Leben noch viel mehr zählte, war Cornelias Reaktion. Insgeheim war sie schon lange verliebt in den jungen hübschen Schauspieler, den sie über so viele Wochen hinweg als Berufskollegin mit Seelenpein begleitet hatte. Wie sich nun all seine Hemmung auf so unbegreifliche Weise löste, da strömte von ihm eine solche Flutwelle von Liebe auf sie über, dass ihr Herz nach kurzer Zeit lichterloh in Flammen stand. Es war sozusagen in Brand geschossen und kannte nur noch ein Ziel: Jochen. Die alte Gräfin indessen hatte alles aus der Distanz der Königsloge beobachtet. Gelb vor Neid und Eifersucht war ihr Gesicht. Musste sie doch mit ansehen, wie dieser junge Mann, dessen wundervollen Körper sie so gerne mit ihren eigenen Armen umschlungen hätte, nun ganz der Gewalt eines jungen Weibes anheim gegeben war. Das war bitter für Sibylle. Mit dem kundigen Blick einer erfahrenen Frau übersah sie sofort die Situation und gab den Mann für sich verloren. Sie beschloss, sich an diesem Abend gnadenlos zu betrinken. Doch plötzlich - noch drang der brausende Applaus den Publikums zu ihrer Loge empor, die Ovationen wollten nicht enden - klopfte jemand an ihre Tür. Sibylle drehte am Rad ihres Rollstuhls und bewegte sich zur Tür hin, um zu öffnen. Doch diese flog von außen auf und Jochen lag Sibylle in den Armen. Er war, durch die sich unerwartet schnell öffnende Tür tatsächlich in die Loge hereingeflogen und auf Sibylles Schoß gelandet. "Ihnen, nur Ihnen, hab ich alles zu verdanken. Sie waren mir eine zweite - nein, meine erste - Mutter. Ich liebe Sie." Jochen hielt sie umarmt, seine jungen, kräftigen, muskulösen Arme schmiegten sich um ihre alten, zerbrechlichen Schultern. Seine jungen Augen, die braunen arglosen Blicke seiner Jugend, ergossen sich in ihre gealterten, vor Glückssehnsucht müde gewordenen Augen. Und dann setzte er sanft seine Lippen auf ihren rissigen Mund, bis sie ihn, in plötzlichem Entschluss, entschieden zurückwies und von sich wegschob. "Jochen, nicht mit mir. Das schickt sich nicht mehr. Geh zu Cornelia. Lange hat sie um dich gelitten. Sie hat dich verdient."